Gruppendynamik: Definition, Prozesse und Beispiele

Was ist die Bedeutung von Gruppendynamik? Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile. So lautet ein berühmter Gedanke des Gestaltpsychologen Max Wertheimer (Wertheimer, 1922). Teams entwickeln daher ein Eigenleben und wachsen bestenfalls vollkommen über sich und das Vermögen der einzelnen Personen hinaus. Sie sind durch starke gruppendynamische Prozesse geprägt. Sie bilden (hoffentlich) eine klare Rollenverteilung aus, überwinden verschiedene Teamphasen, sind oft durch Konflikte oder Trittbrettfahrer geplagt und entwickeln idealerweise einen ausgeprägten Teamgeist und Zusammenhalt. Und mache Teams und Gruppen versinken in einer toxischen Dynamik und scheitern. Das alles liegt daran, wie die einzelnen Gruppenmitglieder interagieren.
Dieser Beitrag beginnt mit einer Definition: Gruppendynamik. Dann gibt er einen umfassenden Überblick über Prozesse der Gruppendynamik anhand vieler Beispiele.

Autor: Diplompsychologe Professor Dr. Florian Becker

Gruppendynamik: Gruppen entwickeln eine Dynamik, die wie ein Sog das Denken und Verhalten der Mitglieder vereinnahmt

Was ist Gruppendynamik? Definition

Was versteht man unter Gruppendynamik? Die Bedeutung des Wortes Dynamik hat sich über die Zeit geändert. Der ursprünglich altgriechische Begriff für „Macht“ und „Kraft“ hat im modernen Sprachgebrauch immer mehr die Bedeutung von „Veränderung“ bekommen. Das alles gilt auch für die Dynamik in Gruppen und Teams. Diese hat bereits früh das Interesse der Psychologie geweckt (Hogg und Williams, 2000). Vorreiter der gruppendynamischen Forschung waren berühmte Psychologen wie Kurt Lewin (Lewin, 1948), der auch den Begriff „Gruppendynamik“ prägte. Kommen wir also zur Definition:

Intra-Gruppendynamik bezeichnet die wechselseitige Beeinflussung der Mitglieder einer Gruppe, die zu einer Veränderung der Prozesse und Strukturen der Gruppe führt.

Intra-Gruppendynamik definiert sich also relativ breit. Und sie ist Sie beinhaltet einerseits die Veränderung von Prozessen. Dazu zählen etwa das Konfliktniveau und der Zusammenhalt im Team. Und Gruppendynamik ist zweitens definiert als die Veränderung von Strukturen. Dazu zählt beispielsweise wer Mitglied im Team ist und wer nicht oder das Bilden von informellen Gruppen. Beides – Strukturen und Prozesse – hängt eng miteinander zusammen. Eine Veränderung der Struktur, etwa indem Mitglieder entfernt werden, verändert auch Prozesse wie die Zusammenarbeit. Und Prozesse wie beispielsweise Konflikt ändern auch die Struktur von Gruppen, etwa indem sich einzelne Mitglieder nicht mehr als Teil der Gruppe fühlen und das Team verlassen. Entscheidender Kern der Definition von Intra-Gruppendynamik ist, dass sie durch Beeinflussung innerhalb der Gruppe selbst wirkt.

Diese Definition macht auch klar, was Intra-Gruppendynamik nicht ist: Kommt es in einer Gruppe zu einer Veränderung von Prozessen oder Strukturen durch Einfluss und Intervention von außen, dann ist das keine Gruppendynamik. Ein Beispiel: Eine Führungskraft versetz ein Teammitglied in ein anderes Team, da sie dort einen höheren Bedarf sieht. Damit verändert die Führungskraft zwar mit Sicherheit die Gruppendynamik. Diese Veränderung der Teamstruktur ist aber kein Ergebnis der Gruppendynamik. Fazit: Einfluss von außen prägt also die Gruppendynamik, ist aber nicht selbst die Gruppendynamik.

Von der Intra-Gruppendynamik abzugrenzen ist die Inter-Gruppendynamik. Definition:

Intra-Gruppendynamik bezeichnet die wechselseitige Beeinflussung zwischen Gruppen, die zu einer Veränderung der Prozesse und Strukturen der Gruppen führt.

Ein Beispiel für Inter-Gruppendynamik ist Wettbewerb zwischen Teams, der diese Teams zu höherer Leistung anspornt. Um die Komplexität gering zu halten konzentriert sich der Text im weiteren auf die klassische Perspektive von Gruppendynamik, auf die Dynamik innerhalb einer Gruppe.

Zur Definition von Gruppendynamik gehören auch gruppendynamische Prozesse. Auch hier eine Definition:

Gruppendynamische Prozesse sind Arten der wechselseitigen Beeinflussungen der Mitglieder innerhalb einer Gruppe oder Arten der wechselseitigen Beeinflussungen zwischen Gruppen, die deren Prozesse und Strukturen verändern.

Der nächste Abschnitt zeigt Beispiele für gruppendynamische Prozesse.

Gruppendynamische Prozesse: Beispiele

Was sind gruppendynamische Prozesse? Welche wichtigen Arten gibt es? Wir haben gruppendynamische Prozesse definiert als wechselseitige Beeinflussungen der Mitglieder in Gruppen, die Prozesse (etwa die Teamleistung) und Strukturen (etwa die Rollenverteilung) der ganzen Gruppe verändern. Welche typischen Beispiele für solche wechselseitigen Beeinflussungen gibt es? Dieser Abschnitt zeigt die wichtigsten Beispiele für gruppendynamische Prozesse:

Auch die Veränderung der Teamzusammenstellung, durch die Aufnahme neuer Mitglieder in die Gruppe oder das Ausscheiden von Teammitgliedern kann man als gruppendynamische Prozesse verstehen. Das gilt dann, wenn die Gruppe selbst aus sich heraus Mitglieder entfernt oder neue aufnimmt.

Ein Beispiel für Gruppendynamik ist also das Herausbilden von sozialen Rollen in Gruppen. Durch wechselseitige Beeinflussung der Mitglieder kristallisieren sich idealerweise klare Rollen und Verantwortlichkeiten heraus, die alle wichtigen Aufgabenfelder abdecken und jeweils mit einem dafür kompetenten Mitglied ausgefüllt werden. Das ist ein Beispiel für eine positive Gruppendynamik. Die Gruppendynamik kann aber auch ganz anders laufen. Dazu der nächste Abschnitt.

Negative Gruppendynamik?

Gruppendynamische Prozesse können also positiv sein und gut laufen. Oft ist es allerdings anders, viele Teams haben eine negative Gruppendynamik. Das zeigt der Schaukasten.

Beispiele: Negative Gruppendynamiken
Negative Gruppendynamik hat folgende Kennzeichen und Symptome:

  • Rollenverteilung. Teamrollen (Belbin, 2012) sind bei einer negative Gruppendynamik unklar oder umstritten, Mitglieder machen, was sie am liebsten tun und nicht, was sie am besten können und wesentliche Rollen bleiben unbesetzt.
  • Zusammenhalt. Das Team bleibt ohne Teamgeist (Dion, 2000), Mitglieder sind nicht stolz, dabei zu sein, investieren nicht in die Gruppe und suchen sich im Hintergrund Alternativen. Vielleicht arbeiten sie sogar (heimlich) gegen die Gruppe und freuen sich, wenn diese scheitert.
  • Regeln und Normen. Eine negative Gruppendynamik sorgt dafür, das entweder keine verbindlichen Regeln und sozialen Normen (Jackson, 1965) entstehen. Die Konsequenz sind Verteilungskämpfe und „Chaos“. Oder es bilden sich soziale Normen heraus, die den Zielen und Aufgaben des Teams schaden, ihnen direkt entgegen stehen. Das sind die Teams, die negativ im Umgang mit Kunden, Sicherheitsvorschriften und Leistungsstandards auffallen (Seashore, 1954; Schneider et al., 2005; Zohar, 2000).
  • Teamentwicklungsphasen. Das Team entwickelt sich nicht oder bleibt bei einer schlechten Gruppendynamik in einer Teamphase (Tuckman, 1965) stecken, die den Zielen schadet – etwa in der Konfliktphase.
  • Soziales Faulenzen. Das Auftreten und Gedeihen von sozialen Trittbrettfahrern (Latané, Williams und Harkins, 1979) ist Zeichen negativer Teamdynamik. Immer mehr Mitglieder versuchen dann, mit möglichst wenig eigenem Input möglichst viel aus der Gruppe zu profitieren. Andere beobachten das, werden demotiviert und verringern ebenfalls ihre Anstrengungen. Das soziale System kollabiert dann im Extremfall, weil niemand mehr die erforderlichen Leistungen erbringen möchte.
  • Konfliktniveau. Manche Teams sind zerfressen von Konflikt (Adolph, 2000). Dysfunktionale Auseinandersetzungen dominieren das Miteinander, konstruktive Arbeit an den eigentlichen Aufgaben ist dann nicht mehr möglich. Konflikte bei negativer Teamdynamik haben ebenfalls  hässliche Dynamiken. Sie weiten sich auf bisher unbeteiligte Personen und Teammitglieder aus, sie verlagern sich von der Sachebenen auf den persönlichen Beziehungsbereich.
  • Aufspaltung in Subgruppen. Informelle Gruppen (Muti, 1968), die sich innerhalb von Teams bilden können harmlos sein und sind zu einem gewissen Grad normal. Bei negativer Gruppendynamik entfalten sie aber toxische Wirkungen. Es gibt dann schwarze Schafe, die von der Gruppe ausgeschlossen sind, heimliche Herrscher, die Führungspositionen reklamieren und nicht vorgesehene Spaltungen des Teams in sich bekämpfende Untergruppen.
  • Entscheidungen. Auch bei Teamentscheidungen (Thompson, 2014) gibt es negative Gruppendynamiken. Vielredner drängen sich dann in den Vordergrund, abweichende Meinungen dürfen nicht erwähnt werden und Gruppendenken macht sich breit. Ergebnis sind dann oft ein Ausblenden der Realität, langsame Entscheidungsprozesse, faule Kompromisse oder Mehrheitsentscheide.
  • Wechselseitiges Lernen. In starken Teams möchte jedes Mitglied den Erfolg und das Wachstum der anderen Teammitglieder. Informationsaustausch in Gruppen ist aber oft gestört (Winquist und Larson, 1998). Unter negativer Gruppendynamik halten Teammitglieder wesentliche Informationen zurück und weisen andere nicht auf Optimierungspotenzial hin. Mitglieder freuen sich dann nicht über den Wachstum und den Erfolg der anderen, sondern blicken mit Argwohn ggf. sogar mit Missgunst darauf.
  • Emotion und Stimmung im Team. Emotionen sind ansteckend und breiten sich von Mensch zu Mensch aus (z.B. Barsade, 2002). Das tritt vor allem in Teams auf. Bei einer negativen Teamdynamik machen sich ungeeignete Emotionen breit: Antriebslosigkeit und Depression, Pessimismus oder Aggressionen und Wut gehören dazu.
  • Gemeinsames Ziel. Viele Teams scheitern darin ein gemeinsames verbindendes Ziel zu finden, nach dem alle streben (z.B. Hackman, 2002). Stattdessen zerren verschiedene Parteien in verschiedene Richtungen und interne Richtungskämpfe machen sich breit. Dem Team fehlt ein gemeinsamer „Nordstern“ an dem sich alle bei der Navigation orientieren und in eine Richtung segeln.
  • Kollektive Wirksamkeit. Manche Teams verlieren den Glauben an sich und daran, dass sie es schaffen können. Diese Teams verlieren, was Psychologen als ihre kollektive Wirksamkeit bezeichnen (Bandura, 2000). Sie geben innerlich auf und die Mitglieder verhalten sich wie gelähmt. Diese sich ausweitende negative Teamdynamik kann man vor allem im Mannschaftssport gut beobachten. Ein Beispiel: Deutschland besiegte den Gastgeber Brasilien im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft 2014 mit sieben zu eins Toren. Die brasilianischen Spieler hatten bereits während des Spiels aufgegeben, waren verzweifelt und bewegten sich wie gelähmt. Fans verließen während des Spiels das Stadion und Spieler weinten.

Das alles macht eindrucksvoll die Bedeutung von Gruppendynamik klar. Laufen gruppendynamische Prozesse falsch, dann hat das katastrophale Auswirkungen für die Leistungsfähigkeit, Erfolg und Stimmung in einem Team. Für jedes Team und jede Führungskraft ist es also entscheidend, gruppendynamische Prozesse zu kennen, wirklich zu verstehen und erfolgreich zu gestalten.

Um die Dynamik in Gruppen zu verstehen, ist ein Blick auf Synergieeffekte hilfreich. Darum dreht sich das nächste Kapitel.