Soziale Normen und Werte: Beispiel Teams

Ein Fußballteam, das lieber feiert als zu trainieren? Ein OP-Team, das nicht auf Hygiene achtet? Wertvorstellungen und soziale Normen prägen das Verhalten, sie sozialisieren die Mitglieder von Gruppen, Teams und ganzen Kulturen – im Guten wie im Schlechten. In vielen Gruppen und Teams sind Verhaltensweisen normal geworden, die nicht begrüßenswert sind. In anderen Teams ist ein wertschätzender Umgang, effiziente Zusammenarbeit und Leistung eine Selbstverständlichkeit. Werte und Normen sind daher ein zentrales Handlungsfeld für erfolgreiche Teamarbeit und ein gutes Miteinander. Nur: Was sind Werte und Normen? Welche Wirkungen haben sie? Und wie kann man sie verändern?
Wie man hier von Anfang an die richtigen Standards setzt, das zeigt dieses Kapitel am Beispiel Teamarbeit. Der erste Abschnitt gibt eine Definition für Werte und Normen. Weiter geht es mit der Frage warum diese so einflussreich sind. Der zweite Abschnitt zeigt die Wirkung und Eigenschaften. Dann vertieft der Text im dritten Abschnitt die für Teamarbeit besonders wichtigen Leistungsnormen. Zum Schluss die wichtigsten Tipps in der Übersicht.

Autor: Diplompsychologe Professor Dr. Florian Becker

Alles steril? Werte und Normen sind unerlässlich für erfolgreiche Teamarbeit
Alles steril? Werte und Normen sind unerlässlich für erfolgreiche Teamarbeit

Definition: Was sind soziale Normen?

Soziale Normen regeln das Verhalten und sozialisieren die neuen Mitglieder in Gruppen und größeren Organisationen. Die Definition ist:

Soziale Normen sind bewusste und unbewusste kollektive Zielvorstellungen zum Verhalten in Gruppen und größeren Organisationen, die das Verhalten der Mitglieder sozialisieren.

Die Abbildung zeigt die Details, die soziale Normen definieren:

  • Wer sich an die Normen hält, erfährt Zustimmung von seiner Gruppe.
  • Wer Normen verletzt, erhält Sanktionen.
  • Normen besitzen einen gewissen Toleranzbereich (vgl. Jackson, 1965). Je weiter ein Verhalten von der Norm abweicht, desto geringer werden Zustimmung und desto ausgeprägter sind die Sanktionen.
  • Herstellen von Konformität und Sozialisierung.

Diese Mechanismen der Zustimmung und Ablehnung führen zu einer Sozialisierung: Mitglieder passen ihr Verhalten an, Verhalten wird standardisiert und uniform.

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Soziale Normen wirken: Sie sozialisieren Verhalten in Teams und Gruppen

In einem Team oder einer Gruppe ausgeprägte Normen schlagen damit immer auf das konkrete Verhalten und damit auf die Ergebnisse durch. Wird die Norm erfüllt, wird das Teammitglied mit Zustimmung belohnt. Liegt ein Teammitglied allerdings über der Norm oder auch darunter wird es von den übrigen Teammitgliedern sanktioniert. Interessant ist hier besonders, dass auch Mitglieder sanktioniert werden, die mehr als die Norm leisten. Ein anschauliches Beispiel sind Schulklassen, wo  Mitschüler Leistungsstarke oftmals als Streber sanktionieren – ähnliches zeigt sich mitunter am Arbeitsplatz in den Teams. Wer mehr leistet als die Norm erfährt Ablehnung. Normen führen damit langfristig zur Konformität des Verhaltens in Teams. Das hat für die Mitglieder den Vorteil der Berechenbarkeit und Verlässlichkeit bei der Zusammenarbeit. Das Ergebnis sind dann beispielsweise Schulklassen oder Arbeitsgruppen mit einer bestimmten Leistungskultur.

Definition: Werte

Was sind Werte und Normen? Wo liegen Unterschiede? Sehr ähnlich den sozialen Normen ist die Definition von Werten bzw. Wertvorstellungen:

Wertvorstellungen sind bewusste Zielvorstellungen von Verhalten.

Nach ihrer Definition beschreiben sowohl Werte als auch soziale Normen Zielvorstellungen und Wünsche an Verhalten. Unterschiede zwischen sozialen Normen und Werten sind:

  • Werte sind bewusst, Normen wirken zusätzlich oft unbewusst. Beispielsweise wie laut man miteinander spricht in einer Gruppe oder ob man andere ausreden lässt, ist oft unbewusst. Trotzdem wird sanktioniert, wer sich nicht daran hält. Normen können also bewusste Wertvorstellungen sein aber auch unbewusste Regeln.
  • Ein weiterer Unterschied ist, dass jemand für sich alleine individuelle Wertvorstellungen haben kann. Soziale Normen sind immer kollektiv, sie brauchen mehrere Personen.

Nachdem Werte definiert sind, geht es weiter mit Beispielen.

Soziale Normen: Beispiele

Was sind Beispiele für soziale Normen? Gesellschaftliche Normen können sämtliches Verhalten betreffen und regulieren, das in einem Team oder einer Organisation stattfindet. Daher gibt es vielfältige Beispiele sozialer Normen:

  • äußeres Erscheinungsbild
  • Verteilung von Ressourcen
  • soziale Interaktion
  • Regelung von Einstellungen und Meinungen

So wird man als Beispiel für Normen des äußeren Erscheinungsbildes bei Automobilkonzernen in den Arbeitsgruppen der Ingenieure meist eher legerere Kleidungsnormen vorfinden als bei den Betriebswirten.

Auch bei der Verteilung von Ressourcen wie Gehalt wirken soziale Normen. Daher findet man in Teams und Organisationen sehr verschiedene Ansätze dazu. In einer Abteilung wird eher das Prinzip der Leistung gelten, in anderen Abteilungen wird eher auf die Seniorität der Mitarbeiter geachtet werden und derjenige, der schon länger dabei ist, mehr erhalten – und sei es dadurch, dass der Vorgesetzte ihm vordergründig eine bessere Leistungsbeurteilung ausstellt, um der unausgesprochenen Norm gerecht zu werden.

Ein weiteres Beispiel für soziale Normen ist die soziale Interaktion. In verschiedenen Gruppen begrüßen sich Menschen anders, gehen ganz anders miteinander um. Das kann Körpersprache betreffen (etwa die Art der Begrüßung und die Nähe der Interaktion, Anzahl der Berührungen). Es geht aber auch um die Stimme, etwa wie laut man spricht, ob man anderen ins Wort fällt. Und es geht um die verwendeten Worte. Ein aktuelles Beispiel sind genderkonforme Sprachvorschriften, die sich in manchen Organisationen und sozialen Gruppen ausbreiten. Diese entfalten Druck auf die Mitglieder, ihre Sprache zu ändern.

Neben den beobachtbaren Verhaltensweisen wirkt sich der Uniformitätsdruck auch auf Einstellungen und Meinungen aus. Personen mit abweichender Einstellung werden ebenfalls sanktioniert, wenn dies im Verhalten sichtbar wird oder auch nur durch das Unterlassen von Verhaltensweisen vermutet wird. So trauen sich Menschen ihre politischen Meinungen und Überzeugungen in vielen sozialen Kontexten nicht offen anzusprechen, da sie von Ablehnung und Konsequenzen ausgehen müssen.

Normen in Teams

Soziale Normen sind also mächtig und prägen das Verhalten nachhaltig. Das gilt besonders für Teamarbeit. Die Bedeutung sozialer Normen in Teams beschränkt sich nicht nur auf

  • Arbeitsleistung. Auch an andere Verhaltensweisen wie
  • Kreativität – mit dem entsprechenden Output an Ideen als Ergebnis (Gilson und Shalley, 2004),
  • Lernen im Team und Lerntransfer (Smith-Jentsch, Salas und Brannick, 2001),
  • Kundenorientierung mit dem Ergebnis Kundenzufriedenheit (Schneider et al., 2005) oder
  • Arbeitssicherheit mit Auswirkungen auf die Rate von Arbeitsunfällen (Zohar, 2000).

Es gibt keinen Bereich des Verhaltens in Teams, der nicht von sozialen Normen geprägt ist.

Teams können sich bei Normen auch darin unterscheiden, ob sie vorwiegend mit Belohnung und Zustimmung oder überwiegend mit Sanktionen auf Abweichungen reagieren. Zudem findet sich, dass in manchen Teams verschiedene Mitglieder recht unterschiedlich behandelt werden. Bei einem Mitglied mit hohem Rang wird gewöhnlich eine größere Abweichung von der Norm toleriert als bei einem rangniederen Mitglied.

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Für Führungskräfte bedeutet dies, dass Normen in ihren Teams ein wichtiges sozialtechnisches Handlungsfeld sind, das nicht sich selbst überlassen werden sollte.

Leistungsnormen

Besonders interessant sind für die Praxis Leistungsnormen, die je nach Team unterschiedlichste Aspekte betreffen können und direkt mit der Produktivität zusammenhängen. Leistung kann natürlich je nach Team einen ganz anderen Fokus haben: So wird etwa bei einer Schulklasse die Leistungsnorm im Bereich der Schulnoten liegen, bei Anhängern von Sekten beispielsweise in der Akquise neuer Mitglieder.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Normen mit der Kohäsion, also dem Teamgeist und Wir-Gefühl, im Wechselspiel stehen. Kohäsion wirkt als ein Verstärker für soziale Normen. Normen führen besonders innerhalb von Teams mit hoher Kohäsion zu Konformität, denn hier möchte man Mitglied sein und bleiben und passt sich daher besonders an. Das bedeutet, die Einstellungen und das Verhalten der Teammitglieder passen sich bei hoher Teamkohäsion besonders an die Normen an, die interindividuellen Unterschiede schwinden.

Leistung in Teams: Leistungsnorm und Kohäsion
Leistung in Teams: Leistungsnorm und Kohäsion

Das Wechselspiel von sozialen Normen und Kohäsion hat Auswirkungen, die für viele überraschend sind:

  • Die geringste Leistung findet man tatsächlich in Teams mit hoher Kohäsion. Nämlich dann, wenn Leistungsnormen dort gleichzeitig gering sind.
  • Die höchste Leistung findet man ebenfalls in Teams mit hoher Kohäsion. Und zwar dann, wenn die Leistungsnormen dort hoch sind.
  • Je höher Leistungsnormen bei hoher Kohäsion angesiedelt sind, desto größer also auch die Teamleistung (Seashore, 1954).

Wenn Leistungsnormen niedrig sind, ist für die Teamleistung sogar eine geringe Kohäsion besser als eine hohe Kohäsion.

Der nächste Abschnitt liefert die entscheidenden Tipps.

Werte und Normen in Teams: Tipps

Aus den Forschungsergebnissen zu Werten und Normen lassen sich wichtige Erkenntnisse für die Praxis der Teamarbeit ableiten. Diese entscheidenden Tipps zu Werten und Normen in Teams fasst der Schaukasten zusammen.

Praxistipps

Der letzte Abschnitt gibt Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung.

Normen und Werte in Teams: Literatur

Aktuelle Literatur-Tipps zu Normen und Werten in Teams.

Tipp
Tipp
Tipp
Sozialpsychologie der Gruppe
  • Stefan Stürmer (Autor)

Teams sind nicht statisch, sondern entwickeln sich über Zeitphasen hinweg weiter. Diese Teamentwicklungsphasen hängen auf das engste mit der Teamleistung zusammen. Das nächste Kapitel zeigt, wie man mit einem Team in die Leistungsphase kommt und das Team dort verankert.