Soziale Gruppen: Beispiele und Arten

Welche Gruppen gibt es? Das Kapitel zeigt Beispiele für soziale Gruppen aus Sicht der Psychologie und Soziologie. Es definiert die verschiedenen Typen und Arten von sozialen Gruppen, grenzt diese voneinander ab und gibt Tipps für die Praxis. Leser erhalten eine kompakte Übersicht der psychologischen Gruppentypen.

Autor: Diplompsychologe Professor Dr. Florian Becker

Arten von Gruppen und Teams: In Praxis und Wissenschaft treten Teams und Gruppen in verschiedenen Formen auf
Arten von Gruppen: In Praxis und Wissenschaft kategorisiert man soziale Gruppen in verschiedene Arten

Arten von sozialen Gruppen: Beispiele

Welche sozialen Gruppen gibt es? Psychologie betrachtet und unterscheidet soziale Gruppen nach weiteren Aspekten. Hier die wichtigsten Beispiele für soziale Gruppen. Es gibt folgende Arten von Gruppen:

  • Mitgliedsgruppen
  • Fremdgruppen
  • Bezugsgruppen
  • Primärgruppen
  • Sekundärgruppen
  • teilautonome Arbeitsgruppen
  • formelle Gruppen
  • informelle Gruppen

Es folgt eine detaillierte Beschreibung dieser Gruppenarten.

Mitgliedsgruppen, Fremdgruppen und Bezugsgruppen

Aus der Perspektive der einzelnen Person unterscheiden sich Mitgliedsgruppen und Fremdgruppen. Mitgliedsgruppen gehört die Person selbst an. Fremdgruppen sind außen stehende Gruppen, denen die Person nicht angehört.

Eine wesentliche Art von Fremdgruppe sind Bezugsgruppen. Bezugsgruppen sind durch ihren starken Einfluss auf ein Individuum und seine Einstellungen definiert. Man muss nicht Mitglied in einer Bezugsgruppe sein, um von dieser beeinflusst zu werden. Ein Beispiel für diese soziale Gruppe: Kompromisslos streikende und verhandelnde Mitarbeiter eines anderen Unternehmens können bei Erfolg zur Bezugsgruppe für die Mitarbeiter werden. So mag ein erfolgreicher Streik von Lokomotivführern als Bezugsgruppe Piloten oder Erzieher in ganz anderen Unternehmen inspirieren, ebenfalls zu streiken. Auch im Marketingbereich sind vergleichbare Effekte bekannt. Zielgruppen neigen dazu, etwas zu kaufen, was wichtige Bezugspersonen oder Gruppen verwenden. So können beispielsweise Gruppen von Extremsportlern Einfluss auf Kaufentscheidungen von Personen ausüben, die selbst in ihrem Leben meist noch nie diesem Sport nachgegangen sind. Bezugsgruppen entsprechen dabei nicht immer in allen Bereichen der engen Definition von Gruppen und können auch eine sehr schwache Struktur und Interaktion aufweisen.

Primärgruppen vs. Sekundärgruppen

Soziale Gruppen kann man nach der Anzahl der Mitglieder und der Intensität der Interaktion differenzieren. Man kann hier einerseits von Primärgruppen mit wenigen Mitgliedern und intensiver Interaktion sprechen. Ein typisches Beispiel ist eine Abteilung in einem Unternehmen oder eine klassische Kernfamilie mit Eltern und Kindern.

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Die Sekundärgruppen befinden sich andererseits am gegenüberliegenden Pol dieser Dimensionen, haben wenig Interaktion und eher zahlreiche Mitglieder. Ein Beispiel für eine klassische Sekundärgruppe sind Bereichsleiter, die sich als Gruppe zur Abstimmung einmal im Monat selten treffen aber in ihren Bereichen mit den Mitarbeitern jeweils eine Primärgruppe bilden. Andere Beispiele für Sekundärgruppen sind Sportvereine oder Kirchengemeinden.

Praxistipps
Sekundärgruppen sind wichtig für den Austausch von Informationen und Ideen und die Koordination der Zusammenarbeit, klassischerweise treffen sie sich beispielsweise in Kommissionen und halten Meetings ab. Sie können aber auch Zeitverschwendung sein, wenn falsche Personen in den Gruppen sind oder sie langatmig unwichtige Aufgaben bearbeiten. Nicht selten sind diese Gruppen zu groß, werden aus Gewohnheit gepflegt, auch wenn sich der Bedarf geändert hat – und auf der anderen Seite fehlt es an Gruppen, die sich um aktuelle Aufgaben kümmern.

Für Führungskräfte stellen sich hier wichtige Fragen:

  • Welche Sekundärgruppen bestehen, welche Aufgaben bearbeiten diese und welche Personen sind in den einzelnen Gruppen vertreten?
  • Bestehen für Bereiche, in denen Informationsaustausch, Ideenentwicklung und Zusammenarbeit erforderlich ist, geeignete Sekundärgruppen?
  • Gibt es ggf. Sekundärgruppen, die nicht diesen Kriterien entsprechen und überflüssig sind?
  • Sind die relevanten Personen in diesen Gruppen vertreten? Welche Personen sind ggf. überflüssig in der Gruppe?

Teilautonome Arbeitsgruppen

Auch das Ausmaß an Autonomie von Gruppen ist eine wichtige Perspektive zur Differenzierung. Teilautonome Arbeitsgruppen (TAG) sind vielerorts durch die Verflachung von Hierarchien entstanden. Diese Gruppen entscheiden sehr unabhängig über Arbeitsabläufe und Arbeitszeit, Verantwortungsbereiche einzelner Mitglieder und die Zusammenarbeit mit Zulieferern und Kunden. Sie bereiten typischerweise selbst die Arbeit vor, planen diese, führen diese selbständig durch und kontrollieren die Ergebnisse. Im Extremfall entscheiden dann so genannte Autonome Gruppen sogar über ihre Mitglieder – etwa über Einstellung oder Entlassung und deren Bezahlung. Solche teilautonomen Arbeitsgruppen brauchen natürlich wenig Führung, können schnell entscheiden und umsetzen. Zudem versprechen sich Unternehmen dadurch höhere Zufriedenheit und Motivation sowie eine stärkere Mitarbeiterbindung und weniger Konflikte im Team. Aus diesen ursprünglich in den 60er Jahren in den skandinavischen Ländern entstandenen Arbeitsformen hat sich eine zunehmend verbreitete moderne Form entwickelt: Agile Teams. Diese sind für viele Unternehmen die Antwort auf eine immer dynamischere und wettbewerbsorientierte Geschäftsumgebung.

Praxistipps
Autonomie von Teams kann Segen oder Fluch sein, es kommt auf die Aufgabe und das Team an. So erhöht Autonomie im Idealfall die Selbständigkeit, Geschwindigkeit, Akzeptanz und Qualität von Entscheidungen. Es kann aber auch ganz anders laufen. Teilautonome Arbeitsgruppen versinken dann im Chaos, weil Mitglieder nicht fähig zur selbständigen Arbeit sind, einzelne Gruppen sich in für die Unternehmen nachteilige Richtungen entwickeln, Mitarbeiter mit geringer Motivation sich zusammentun in Gruppen die Arbeit vermeiden, soziales Trittbrettfahren und Konflikte gedeihen. Das führt dann zu geringer Teamleistung und Unzufriedenheit bei vielen Beteiligten.

Führungskräfte sollten daher regelmäßig analysieren:

  • Wie viel Autonomie hat ein Team in welchen Bereichen?
  • Ist dieses Ausmaß dem Team (etwa vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen, Kompetenzen und Motivation) und der Aufgabe angemessen?

Das richtige Ausmaß an Freiraum für Teams zu gestalten, ist eine anspruchsvolle aber entscheidende Führungsaufgabe.

Formelle Gruppen vs. informelle Gruppen

Besondere Aufmerksamkeit hat in der Forschung die Formalität von Gruppen gefunden. Damit ist gemeint, wie sehr Gruppen den von der Organisation geplanten Strukturen entsprechen. Formelle Gruppen sind in der Organisation vorgesehene Gruppen. Informelle Gruppen sind soziale Gruppen nach sozialwissenschaftlicher Definition, die nicht im Organisationsplan vorgesehen sind. Dennoch beeinflussen diese Gruppen das Verhalten der Mitarbeiter stark. Dabei ist an Arbeitsleistung und Informationsfluss aber auch an Dinge wie Mobbing zu denken. So reichen Informelle Gruppen vom Kollegenkreis, der sich beim Rauchen trifft, bis hin zu Seilschaften im Management, die sich Posten zuschieben und gegenseitig den Rücken frei halten.

Der letzte Abschnitt gibt Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung.

Arten von Gruppen: Literatur

Aktuelle Literatur-Tipps zu Arten von Gruppen.

Tipp
Sozialpsychologie der Gruppe
  • Stefan Stürmer (Autor)
Tipp

Eine für die Praxis besonders wesentliche Art von Gruppen sind informelle Gruppen. Das vertieft das nächste Kapitel.