7. Was macht eine gute Führungskraft aus: Eigenschaften, die Ergebnisse liefern

Viele glauben, dass man zur Führungskraft geboren sein muss. Trifft das zu? Gibt es eine ideale Führungskraft – zumindest im statistischen Sinne? Was macht eine gute Führungskraft aus, was macht eine schlechte aus? Welche Eigenschaften sind entscheidend, damit Führungskräfte brauchbare Ergebnisse abliefern? Welche Merkmale führen dazu, dass der verantwortete Bereich sich positiv oder negativ entwickelt? Kann man schlechte und gute Führungskräfte erkennen? Der Gedanke liegt nahe, dass Eigenschaften entscheidend sind. Bekannte Führungspersonen wie Steve Jobs, Richard Branson oder Mahatma Gandhi, aber auch Adolf Hitler sind oft Persönlichkeiten, die sich dediziert von anderen Menschen abheben.
Was also sind die Top Eigenschaften guter Führungskräfte? Die Wissenschaft dazu in diesem Kapitel. Als Bonus gibt es noch die Eigenschaften einer schlechten Führungskraft und die wichtigsten Tipps. …

Zur Führungskraft geboren?

Gute Führungskraft: Führungsrelevante Eigenschaften sind zum Teil angeboren

Immerhin scheint zumindest die Tatsache, dass jemand Führungskraft wird (oder eben nicht) zu ca. 30 Prozent angeboren zu sein (Arvey et al., 2007; Chaturvedi et al., 2012) und es lassen sich sogar einzelne Gene isolieren, die damit zusammen hängen (De Neve et al., 2013). Und dann gibt es ja noch viele relativ überdauernde Eigenschaften, die nicht angeboren sind und die sich auch im Laufe des Lebens stark verändern – etwa die Fachkompetenz einer Person. Bildet man immer wieder neu gemischte Gruppen, die verschiedene Aufgaben erledigen sollen, dann treten jedenfalls meist immer wieder die selben Personen als Führungskräfte hervor – 60 Prozent dieses Phänomens konnten auf Eigenschaften der Personen zurückgeführt werden (Kenny und Zaccaro, 1983; Zaccaro, Foti und Kenny, 1991). Auch das spricht für stabile Eigenschaften, die mit Führung zusammenhängen. Das passt das gut zur oben genannten Zahl von 30 Prozent angeborenem Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit Führungskraft zu werden, da die meisten überdauernden Eigenschaften von Personen zu ca. einer Hälfte angeboren sind und zur anderen Hälfte durch Umwelteinflüsse geformt werden (vgl. z.B. die Übersichten von Asendorpf, 2007, S. 343).

Eigenschaftsorientierte Führungstheorien suchen die Erklärung für Erfolg und Misserfolg in der Führung bei den grundlegenden, stabilen Eigenschaften der Führungspersonen. Darum geht es im nächsten Abschnitt.

Gute Führungskräfte: Merkmale

Was macht eine gute Führungskraft aus? Dabei ist zunächst wichtig zu klären, um welche Ebene von Merkmalen es geht.

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Worum es nicht geht: Fragt man „Lieschen Müller“ oder blickt man in nicht-wissenschaftliche Managementliteratur, dann werden als relevante Eigenschaften von Führungskräften oft Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz, individuelle Berücksichtigung der Mitarbeiter, Zuhörerfertigkeiten oder Entscheidungskompetenz genannt. Diese Eigenschaften sind sehr nahe am Führungsverhalten selbst, überlappen direkt mit dem Führungsverhalten und beschreiben es – der nächste logische Schritt wäre, dass jemand Führungskompetenz als relevante Eigenschaft von Führungskräften ausruft, nach dem Motto „Wir haben die wichtigste Erfolgseigenschaft von Führungskräften entdeckt: Führungskompetenz!“. Selbstverständlich sind zudem auch Fähigkeiten, die sich direkt auf Führungsinstrumente, wie Lob oder konstruktive Rückmeldung beziehen, relevant. Bei all dem handelt es sich aber nicht um überdauernde Eigenschaften von Personen, sondern um kurzfristig vermittelbare Führungskompetenzen bis hin zu bloßen Umschreibungen von Führungsverhalten. Das alles ist richtig, geht aber nicht über die Feststellung hinaus „Gute Führungskräfte sind Personen, die gut Führungsverhalten zeigen können!“ und ist daher für die Frage nach grundlegenden Eigenschaften erfolgreicher Führungskräfte wertlos.

Worum es geht: Eigenschaftsorientierte Theorien der Führung untersuchen und thematisieren überdauernde persönliche Eigenschaften (Persönlichkeitseigenschaften sowie soziale, physiologische oder kognitive Eigenschaften), um erfolgreiche Führungskräfte von weniger erfolgreichen zu unterscheiden. Zwar unterscheiden sich Situationen, Aufgaben und Geführte mitunter sehr – dennoch, so verschieden diese Kontexte von außen betrachtet aussehen, geht es am Ende immer um die erfolgreiche, zielgerichtete Beeinflussung der Mitarbeiter. Gibt es also grundlegende, überdauernde Eigenschaften, die mit erfolgreicher Führung zusammenhängen?

Eigenschaftsorientierte Führungstheorien sind der älteste wissenschaftliche Ansatz, Führung zu erforschen und haben über 100 Jahre Forschungstradition (z.B. Terman, 1904). Zunächst untersuchte man einfach, welche Unterschiede es zwischen Führungskräften und anderen Menschen gibt. Hier ist aber das Problem, dass man so Eigenschaften, die zu wirksamer Führung beitragen, nicht von solchen unterscheiden kann, die nur zu Karriere beitragen. Entsprechend wandelte und spaltete sich die Perspektive.

  • Führungserfolg im Sinne von Leistung (gute Führungskräfte): Was unterscheidet wirksame Führungskräfte von denen, bei denen der Verantwortungsbereich nicht gut läuft?
  • Führungserfolg im Sinne von Karriere (erfolgreiche Führungskräfte): Welche Eigenschaften führen dazu, dass jemand Karriere im Sinne von Beförderung (oder Gehaltssteigerungen) macht?

Derzeit sind eigenschaftsorientierte Führungstheorien in den Hintergrund geraten (z.B. House und Aditya, 1997). Das mag mehr am Zeitgeist als an mangelnden oder entmutigenden Forschungsergebnissen liegen. Der Gedanke an grundlegende Eigenschaften, die jemanden zur geeigneten Führungsperson machen, scheint im Widerspruch zum Zeitgeist zu sein, dass alle Menschen gleich geboren werden und sich Unterschiede nur durch ungleiche Chancen ergeben. Aber: Der Zeitgeist ändert sich und ist nicht in allen Ländern gleich (man blicke nur in die USA oder nach China), was also sagen die Fakten?

Der nächste Abschnitt zeigt überdauernde Eigenschaften, die mit Führungserfolg im Sinne von Leistung zusammenhängen. Der Text verwendet dafür die Bezeichnung „gute Führungskräfte“.

Gute Führungskräfte erkennen: Top Eigenschaften

Einige frühe Analysen kamen zu dem Schluss, dass es kaum nennenswerte Zusammenhänge zwischen Eigenschaften von Führungskräften und deren Erfolg gäbe (z.B. Stogdill, 1948; Mann, 1959). Diese Studien beeinflussten stark das Denken und die Argumentation in der Wissenschaft und Praxis. Hier hat sich allerdings gezeigt, dass Effekte unterschlagen wurden und methodisch nicht sauber gearbeitet wurde (Lord, De Vader und Alliger, 1986). Die Liste an Eigenschaften, die relevant für den Erfolg einer Führungskraft sind, ist tatsächlich sehr lang, wie man mittlerweile weiß. Dabei haben sich folgende überdauernde Eigenschaften von Führungskräften als besonders bedeutsam für die Führungsergebnisse herausgestellt (vgl. House, Shane und Herold, 1996; Robbins, 2003):

Fachkompetenz im verantworteten Bereich

Intelligenz

Extraversion

Offenheit

Gewissenhaftigkeit

emotionale Stabilität

Verträglichkeit

Führungskräfte mit diesen Eigenschaften liefern also bessere Ergebnisse ab, als Führungskräfte ohne diese Eigenschaften. Manche der genannten Merkmale sind veränderbar (z.B. Fachkompetenz, Selbstbewusstsein), andere kaum. Gerade Intelligenz und viele Persönlichkeitsmerkmale hängen stärker von Vererbung als von Umwelteinflüssen ab (vgl. z.B. die Übersichten von Asendorpf, 2007, S. 343). Insofern kann man tatsächlich in einem gewissen Umfang von geborenen Führungspersönlichkeiten sprechen.

Aus den genannten Eigenschaften lässt sich natürlich auch das Bild einer schlechten Führungskraft skizzieren.

Schlechte Führungskräfte erkennen: Eigenschaften

Setzt man vor die oben in der Forschung festgestellten Eigenschaften für gute Führungskräfte ein umgekehrtes Vorzeichen, dann ergibt sich das erschütternde Bild einer schlechten Führungskraft. Hier eine kurze Skizze, zugegeben zur Illustration etwas klischeehaft und überzeichnet, dafür umso einprägsamer. Eine schlechte Führungskraft zeichnet sich demnach aus durch folgende Eigenschaften:

Niedrige Fachkompetenz

Geringe Intelligenz

Wenig emotionale Intelligenz

Introversion

Keine Offenheit für Neues

Mangel an Gewissenhaftigkeit und Leistungsmotivation

Neurotizismus

Unverträglichkeit

Natürlich vereint keine Führungskraft alle dieser schlechten Merkmale in einer Person, sonst wäre sie nicht Führungskraft. Doch immerhin einige dieser Merkmale sind gar nicht so selten bei Führungskräften zu finden. Nicht wenige Mitarbeiter leiden in der Praxis unter Führungskräften mit derartigen Merkmalen. Das liegt daran, dass Karriere an anderen Eigenschaften hängt als gute Führung.

Was bedeuten diese Forschungsergebnisse für die Führung in der Praxis? Der nächste Abschnitt liefert die Tipps, wie man mit Eigenschaften zu besseren Führungsergebnissen kommt.

Gute Führungskräfte testen und entwickeln: Tipps

Wie kann man gute Führungskräfte testen und entwickeln? Die Forschung zu Eigenschaften von guten Führungskräften und deren Ergebnissen bietet viel Potenzial für die Praxis, das noch kaum genutzt wird. Für verantwortliche Manager in Unternehmen und anderen Organisationen dürfte sich ein Blick in den folgenden Schaukasten daher lohnen.

Tipps zu Eigenschaften erfolgreicher Führungskräfte

Die oben genannten Eigenschaften hängen mit der Leistung bzw. Effektivität von Führungskräften zusammen. Aber es gibt viele weitere Eigenschaften, mit denen sich Führungskräfte von anderen Menschen unterscheiden. Das liegt daran, dass Karriere meist nur am Rande mit der Leistung einer Führungskraft zu tun hat – andere Eigenschaften treten dann in den Vordergrund. Dazu das nächste Kapitel.