In der Geschichte tauchen eindrucksvolle Personen mit einer besonderen Gabe auf – Kontrolle über die Emotionen anderer, Überzeugungskraft und persönliche Ausstrahlung, kurz Charisma. Wir kennen mitunter erschütternde Beispiele für die Macht dieser Kompetenz. Charismatische Führungskräfte entfalten höchsten Einfluss auf andere Menschen, lenken sie in neue Richtungen mit ungeahnter Stärke. Von außen entsteht oft der Eindruck einer „Gehirnwäsche“. Wie das funktioniert, zeigt dieses Kapitel.
Der erste Abschnitt gibt eine Definition für charismatische Führung, der zweite schildert ihre Merkmale. Der Text verdeutlicht die großen Vorteile aber auch die Nachteile und Gefahren, die ein charismatischer Führungsstil hat. Und er zeigt wie man Charisma lernen kann. …
Charisma: Charismatiker sind Führungskräfte, die andere Menschen zu überzeugten Anhängern transformieren – mitunter wirken sie über tausende Jahre
In diesem Beitrag:
Charisma: Definition und Beispiele
Was ist Charisma? Seit einigen Jahren taucht zunehmend der Begriff der charismatischen Führung auf (Becker, 2015). Oft gibt es dabei einen Bezug zur Transformation von Menschen zu glühenden Anhängern. Menschen werden in ihrem innersten Fühlen, Denken und Wollen umgewandelt – durch Charisma. Charismatische Führung ist dabei als Begriff unabhängig von einer moralischen und subjektiven Wertung. Man wird charismatische Eigenschaften Konfuzius und Mahatma Gandhi ebenso wie Adolf Hitler oder Osama Bin Laden zuschreiben. Diese Führungspersönlichkeiten haben starken Einfluss auf ihre Anhänger ausgeübt, und zwar fernab rein materieller Anreize. Sie haben ihre Anhänger transformiert, aus innerer Überzeugung das gewünschte Verhalten zu zeigen.
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An dieser Stelle zeigt sich schon, dass Charisma und transformationale Führung sehr nahe beieinander liegen. Es sind zwei Seiten der selben Medaille. Die einen blicken auf die transformierten Mitarbeiter und sagen „Das ist transformationale Führung!“, die anderen sehen die Führungskräfte, die ihre Anhänger transformieren und denken sich „Diese Person hat Charisma!“. Entsprechend ist die Definition von Charisma auch an den Führungskräften ausgerichtet.
Charismatisch sind Führungskräfte, die mit ihren Eigenschaften und Verhaltensweisen eine Transformation der Mitarbeiter bewirken.
Die oben genannten Beispiele für charismatische Führungspersonen verdeutlichen auch, dass charismatische Personen meist stark polarisieren. Es gibt oft fanatische Anhänger ebenso wie Ablehner.
Was sind jetzt die Merkmale charismatischer Führung? Diese zeigt der nächste Abschnitt.
Charismatischer Führungsstil: Merkmale
Es stellte sich die Frage: Was macht charismatische Führungskräfte besonders, welche Merkmale hat ein charismatischer Führungsstil? Die Abbildung zeigt die Übersicht zu den Forschungsergebnissen.
Charisma: Merkmale charismatischer Menschen und Eigenschaften charismatischer Führung
Folgende Merkmale stehen im Zusammenhang mit charismatischer Führung und charismatischen Menschen (z.B. Conger und Kanungo, 1987; Shamir, House und Arthur, 1993):
starke kommunikative Fähigkeiten
Charismatische Personen können sich extrem gut auf die Zielgruppen einstellen, mit denen sie zu tun haben, und finden die richtigen Worte und Symbole in der Kommunikation. So war etwa Steve Jobs, der Mitgründer und langjährige Chef von Apple, berühmt für seine Reden und Auftritte bei der Präsentation neuer Produkte auf Großveranstaltungen. Er konnte die Produkte präsentieren wie kein anderer und erreichte eine enorme Reichweite in vielen Medien, weltweit.
eine klare Vision
Charismatische Führungspersonen haben eine klare Vorstellung von der Zukunft der Organisation und können diese präzise und anschaulich darstellen. Ein Beispiel ist die bekannte Rede von Martin Luther King Jr.: „I have a dream …“ In dieser Rede schildert er emotional und bildlich eine Zukunft des gleichberechtigten, ja gleichen Miteinanders.
Ansprechen von Emotionen der Geführten
Der starke Einfluss charismatischer Führungspersonen beruht auch darauf, dass sie weniger die rationalen Motive und Gedanken und um so mehr die Emotionen ansprechen. Das geht oft auch über emotionale Ansteckung (z.B. Barsade, 2002) – die eigene Emotion strahlt aus, auf die Menschen im Umfeld. Alte Aufnahmen von Adolf Hitler zeigen eindrucksvoll, wie er sich emotional in Rage redet und diese Emotion zu seinen Zuhörern transportiert, diese aufpeitscht.
großes Selbstvertrauen
Das tiefe Vertrauen in die eigenen Überzeugungen und Fähigkeiten strahlt aus. Es hilft Führungskräften dabei, andere Menschen zu überzeugen. Mitunter führt es aber zu (zumindest von außen betrachtet) völlig unrealistischen Zielvorstellungen und Unternehmungen. Die Grenze zum Größenwahn ist fließend.
symbolisches Verhalten
Bei sehr einflussreichen Persönlichkeiten sind häufig Gesten zu beobachten wie Verzicht auf das Gehalt in Krisenzeiten oder extreme Auftritte, um die Firma zu vermarkten. Dabei setzen sie bewusst ihre Vorbildfunktion ein, um Zeichen zu setzen; ganz nach dem Motto: „Wie willst du ein Feuer entzünden, das in dir selbst nicht brennt?“ Aus Protest gegen das brutal durchgesetzte Monopol Englands auf das lebensnotwendige Salz (mit dem immense Steuereinnahmen erzielt wurden), ging etwa der Inder Mahatma Gandhi im sogenannten Salzmarsch nahezu 400 Kilometer zu Fuß, um symbolisch Salz am Strand zu holen.
hohe Erwartungen an die Geführten
Charismatische Führungskräfte richten höchste Leistungserwartungen an die Geführten und zeigen Optimismus, dass diese die Ziele erreichen können – und sei es mit Sommerausrüstung im Winter einen Krieg gegen Russland zu gewinnen. Oft geht mit diesen höchsten Erwartungen das Gefühl einer ausgewählten Elite einher.
Interessante Forschungsergebnisse: Diese genannten charismatischen Aspekte sind offenbar teilweise angeboren. Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge haben vergleichbare Ergebnisse, wenn man ihre charismatischen Eigenschaften misst. Charismatische Führungspersönlichkeiten sind zudem meist extrovertiert und haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein (vgl. z.B. House und Howell, 1992).
Was bedeuten diese Forschungsergebnisse für die Führung in der Praxis? Der nächste Abschnitt liefert die Tipps, wie man mit Charisma zu besseren Führungsergebnissen kommt und gleichzeitig die Risiken im Auge behält.
Charismatische Führung: Tipps
Im Folgenden die entscheidenden Tipps für charismatische Führung. Diese zeigen nicht nur Vorteile, sondern auch die Nachteile bzw. Risiken, die neben den ganzen Vorteilen bestehen.
Praxistipps
Jede Führungskraft hat zu einem gewissen Grad charismatische Eigenschaften. Die eine kaum, die andere mehr. Charismatische Eigenschaften können die Wirksamkeit von Führung deutlich verstärken, sind eine Art „Raketenantrieb“. Doch wie ein Raketenantrieb hat auch diese Art der Führung Risiken.
Charismatische Eigenschaften lassen sich in gewissem Umfang erwerben, wie Experimente zeigen. Eine Hälfte von Führungskräften bekam ein Training, charismatisches Verhalten zu zeigen, die andere Hälfte nicht. Teams mit den trainierten Führungskräften zeigten darauf bessere Leistungen (Conger und Kanungo, 1988). Führungskräfte können demnach gezielt kommunikative Kompetenzen trainieren: insbesondere Visionen formulieren, Emotionen ansprechen, Tätigkeiten ideologisieren und hohe Erwartungen an die Anhänger zeigen.
Allerdings scheint die Situation nicht immer einen charismatischen Stil zu begünstigen. In schwierigen und von Unsicherheit geprägten Situationen ist die Akzeptanz für charismatische Führungspersonen wesentlich größer. Zudem scheint es notwendig, dass die Ziele einer Organisation eine ideologische Komponente bekommen, damit diese Art von Führung funktioniert. Eine wichtige Frage in der Praxis ist daher: „Wie können wir das, was wir hier tun, ideologisch aufwerten?“
Charismatische Führungspersonen sind auch ein Risiko. Es besteht die Gefahr, dass sie die Ziele und Vorteile der Organisation aus den Augen verlieren und ihre eigenen Ziele über das vorgefundene System stülpen. Sie haben die Macht das Denken und Verhalten anderer Menschen extrem zu formen, sie in den Untergang zu senden und anderen Schaden zufügen zu lassen. Das zeigt nicht nur ein Blick in die Geschichte (z.B. Adolf Hitler) und auf die Anführer bestimmter Sekten (z.B. Jim Jones, der hunderte seiner Anhänger überzeugte, sich selbst zu vergiften), sondern auch Studien zu Unternehmen und deren Führungspersonen (vgl. Collins, 2001).
Es gibt die Diskussion, ob charismatische Führung und transformationale Führung dasselbe sind. Die beste Antwort ist vermutlich, dass Charisma eine wichtige Basis für transformationale Führung ist. Die Transformation von Menschen gelingt charismatischen Führungspersonen wesentlich besser. Sie haben mehr Überzeugungskraft, wenn es darum geht, Visionen zu vermitteln, Ideologie zu verankern und gewohntes Denken radikal zu verändern.
Der letzte Abschnitt gibt Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung.
Charismatische Führung: Literatur
Aktuelle Literatur-Tipps zu charismatischer Führung.
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Das folgende Kapitel zeigt mit welchen Verhaltensweisen Führungskräfte Karriere machen.