2. Alltagspsychologie, Laienpsychologie und Küchenpsychologie

Welche Bedeutung hat Alltagspsychologie (oft auch Laienpsychologie, Populärpsychologie oder Küchenpsychologie genannt)? Welche Funktionen und Merkmale hat Alltagspsychologie, wie lautet die Definition, welche Beispiele dafür gibt es und welche Risiken bestehen? Das zeigt dieses Kapitel.

Funktionen von Alltagspsychologie

Zunächst zu den Funktionen von Alltagspsychologie. Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, andere Menschen und ihr Verhalten interpretieren, verstehen und berechnen zu können. Wem können wir vertrauen? Wem sollten wir Geld leihen? Wen heiraten wir? Es ist somit ganz normal, ja sogar überlebensnotwendig, in gewissem Sinne Psychologe zu sein. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, verwenden Menschen Theorien über das Erleben und Verhalten anderer Personen, im wahrsten Sinne des Wortes laienpsychologische Theorien. Wir alle sind Laienpsychologen, beobachten unsere Mitmenschen und entwickeln Erklärungen für deren Verhalten, versuchen deren Verhalten vorherzusagen und zu berechnen. Die Hauptfunktion von Alltagspsychologie ist also: Menschen nutzen sie als Entscheidungsgrundlage, im Umgang mit ihren Mitmenschen.

Um anderen etwas zu schenken, benutzen wir alltagspsychologische Vorstellungen – was freut eine 50 jährige Professorin, die einen Vortrag gehalten hat, als kleines Dankeschön?

Als nächstes folgt die Definition von Alltagspsychologie und eine Übersicht über typische Merkmale.

Definition und Merkmale von Alltagspsychologie

Menschen nutzen als Alltagspsychologie, um Entscheidungen im Umgang mit ihren Mitmenschen zu treffen. Entsprechend lautet die Definition von Alltagspsychologie:

Alltagspsychologie sind alle Vorstellungen von Menschen über das Erleben und Verhalten ihrer Mitmenschen und dessen Ursachen, Konsequenzen und Möglichkeiten der Beeinflussung, die nicht  aus der Wissenschaft kommen.

Daneben hat Alltagspsychologie eine Reihe von Merkmalen, die in der Regel zutreffen – aber nicht in jedem Einzellfall. Typische Merkmale von Alltagspsychologie sind:

  • Herkunft aus Überlieferung und Zeitgeist
  • meist wenig Nachdenken und Diskussion darüber (Gewohnheit und naive Anwendung)
  • geteilt von vielen Menschen (verbreitet)
  • innerer Widerspruch (verbreitete Vorstellungen miteinander häufig nicht kompatibel)
  • hartnäckiges Bestehen und Festhalten auch bei offenkundigem Scheitern

Die folgenden Beispiele für Alltagspsychologie machen das deutlich.

Beispiele für Alltagspsychologie

Auch Entscheider in der Wirtschaft sind als Laienpsychologen aktiv. Welche Motive haben Kunden, Mitarbeiter oder Investoren? Wie treffen Sie ihre Entscheidungen, welche Emotionen und Einstellungen bewegen sie?
So gibt es eine Menge an impliziten psychologischen Annahmen, die Führungskräfte als Grundlage für Entscheidungen benutzen. Typische Beispiele für Alltagspsychologie sind etwa folgende Überzeugungen und Vorstellungen:

  • Glückliche Kühe geben mehr Milch!
  • Diamanten entstehen nur unter hohem Druck! (bezogen auf Mitarbeiter)
  • Mehr Gehalt führt zu mehr Leistung!
  • Ohne Fleiß kein Preis: Wer sich reinhängt, macht Karriere!
  • Networker und Vitamin-B entscheiden über die Karriere!
  • Viele Köche verderben den Brei!
  • Multikulturelle Teams sind innovationsfähiger!
  • Frauen sind die besseren Führungskräfte!

Diese impliziten Annahmen müssen nicht immer gänzlich falsch sein, sind aber bei empirischer Überprüfung in konkreten Situationen häufig nicht zutreffend, sie hängen stark von Rahmenbedingungen ab. Dazu ein Beispiel: Die Annahme, dass fleißige Menschen Karriere machen, trifft meist nicht zu. Bei der Karriere punkten Manager die ihre Zeit stark mit Netzwerkpflege (auch außerhalb des eigenen Unternehmens) verbringen. Wer seine Zeit mit den Mitarbeitern und der Organisation der eigentlichen Arbeitsaufgabe verbringt, hat durchschnittlich Nachteile bei der Karriere (Luthans, 1988; Van Scotter, Motowidlo und Cross, 2000; Carmeli, Shalom und Weisberg, 2007). Andererseits zeigt sich, dass Fleiß auch wichtig ist. Nicht für die Karriere aber bei Unternehmern für den Erfolg ihres Unternehmens. Personen mit hoher Leistungsmotivation sind daher beispielsweise als selbständige Unternehmer überproportional häufig und auch besonders erfolgreich (McClelland und Winter, 1969).

Ganz ähnliche verbreitete Überzeugungen gibt es natürlich auch im Umgang mit Kunden.

  • Zufriedene Mitarbeiter führen zu zufriedenen Kunden!
  • Mehr Auswahl führt zu mehr Absatz!
  • Preissenkungen führen zu mehr Absatz!

Der folgende Abschnitt zeigt die Risiken von Alltagspsychologie.

Risiken von Alltagspsychologie

Besonders anschaulich wird die Unzulänglichkeit der laienpsychologischen Theorien dann, wenn zwei Theorien im deutlichen Widerspruch stehen.
Als Beispiel mag das Bild zweier Führungskräfte dienen.
Führungskraft X hat die Theorie: „Der Mensch ist von Natur aus faul. Ohne Anreize und Sanktionen von außen besteht keine Motivation, die Mitarbeiter werden nicht arbeiten. Mitarbeiter scheuen Verantwortung. Ich muss also als Führungskraft entscheiden, kontrollieren, honorieren und sanktionieren!“ Führungskraft Y hat dagegen die Theorie: „Menschen arbeiten gerne, sie sind von Haus aus motiviert und suchen Verantwortung. Ich muss den Mitarbeitern Freiraum geben, damit sie sich entfalten können und motiviert arbeiten!“

Wir alle kennen Personen, die mehr oder minder dem einen oder anderen Extrem zugehörig sind. Sicher sind aber beide Theorien nicht als Grundlage geeignet, um optimale Entscheidungen als Führungskraft zu treffen. Dennoch werden die betreffenden Personen ihre laienpsychologischen Überzeugungen wenn überhaupt nur sehr selten in Frage stellen und vielleicht auch mehr oder weniger ausreichend erfolgreich mit ihren Prinzipien führen. Führungskraft X wird beispielsweise häufig abhängige Mitarbeiter haben, die vor jeder Entscheidung nachfragen, was zu tun ist und tatsächlich nur tun, was explizit verlangt ist. Die Mitarbeiter hatten auch keine Chance sich bei dem Führungsstil zu entwickeln, zudem sind Personen mit hoher intrinsischer Motivation abgewandert. Somit wird sich Führungskraft X bestätigt fühlen, man spricht hier auch von sich selbst erfüllender Prophezeiung.

Obwohl implizite Annahmen also meist so nicht zutreffen, werden derartige Annahmen von jedem Menschen spontan bei seinen Entscheidungen ganz bewusst oder unbewusst verwendet und nur sehr selten in Frage gestellt. Da sich Gedanken nicht direkt beobachten lassen, und Verhalten sich auf verschiedenste Ursachen zurückführen lässt, werden auch noch so unzutreffende Laientheorien oftmals aufrecht erhalten. Die selben Menschen, die auf die Frage, wie ein Mikroprozessor funktioniert, keine Antwort kennen und somit vernünftigerweise auch nichts sagen, zögern nicht, sofort das Verhalten von Mitmenschen spontan und mit größter Überzeugung zu „erklären“ und diese „Erklärungen“ jahrelang voller Überzeugung einzusetzen.

Die Praxistipps fassen zusammen wichtige Erkenntnisse zusammen.

Praxistipps

Die hier angesprochenen Beobachtungen stehen einem Menschenbild entgegen, das in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft weit verbreitet ist und bei vielen Entscheidungen zu Grunde gelegt wird: Der Homo oeconomicus. Auch dieser kann als alltagspsychologische Theorie betrachtet werden. Das nächste Kapitel behandelt dieses Menschenbild und die enthaltenen Annahmen.