7. Psychologie als Wissenschaft: Definition

Was genau ist Psychologie als Wissenschaft? Jeder redet von Psychologie aber die wenigsten kennen die genaue Definition von Psychologie und ihre Aufgaben. Und warum ist der Trident das Symbol der Psychologie? Davon handelt dieses Kapitel. …

Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten
Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten

Was ist Psychologie? Definition

Der Begriff Psychologie enthält die griechischen Wörter „psyche“ (Seele) und „logos“ (Lehre, Wissenschaft). Es gibt unterschiedliche Definitionen von Psychologie, bei denen typischerweise Begriffe wie Wissenschaft, Handeln, Denken, Erleben, Entscheidungen, Verhalten, Mensch, Individuum, Gruppe und empirisch vorkommen. Die aktuell sinnvollste Definition von Psychologie ist:

Psychologie ist die empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen.

Es lohnt sich die einzelnen Punkte der Definition kurz genauer zu betrachten:

Verhalten
Verhalten bezieht sich dabei auf sämtliche direkt oder indirekte (etwa über technische Verfahren oder Ergebnisse von Verhalten) beobachtbare Prozesse. Dabei ermöglichen beispielsweise bildgebende Verfahren von neurologischen Prozessen im Gehirn immer bessere Beobachtungen von Verhaltensprozessen, die unmittelbar mit dem Erleben von Menschen zusammen hängen.

Erleben
Erleben bezeichnet nicht direkt beobachtbare Zustände und Prozesse wie etwa Emotionen, Motive, Entscheidungsprozesse oder Gedanken.

Mensch
Der Mensch ist im Fokus. Manche zählen auch das Erleben und Verhalten von Tieren zum Forschungsgebiet der Psychologie. Zwar arbeiten Psychologen auch mit Tierversuchen, um Verhalten und dessen Beeinflussung und Veränderung zu untersuchen – sie tun das aber letztendlich, um Rückschlüsse auf Gesetzmäßigkeiten bei Menschen zu finden. Psychologie ist also die Wissenschaft vom Verhalten des Menschen. Das Verhalten von Tieren ist Forschungsgebiet der Verhaltensbiologie, einer Nachbarwissenschaft der Psychologie. Fazit: Psychogen arbeiten zwar in Experimenten mitunter auch mit Tieren (etwa mit Ratten, Tauben oder Affen), sie tun das aber letztlich mit dem Ziel, Schlüsse auf menschliches Erleben und Verhalten zu ziehen, indem sie allgemeine Theorien entwickeln und auch an Tieren testen.

nicht nur das Individuum
Nicht nur das Individuum ist Forschungsgegenstand der Psychologie. Insbesondere die Sozialpsychologie erforscht das Verhalten von Menschen im sozialen Kontext und das Erleben von ganzen Gruppen an Menschen.

empirische Wissenschaft
Empirische Wissenschaft bezieht sich auf die Entwicklung von Theorien, die mit Forschungsmethoden systematisch an der Realität überprüft und getestet werden – etwa mit Experimenten. Dem gegenüber stehen Ansätze, die Theorien entwickeln, die sich vielleicht auf den ersten Blick vernünftig anhören, aber diese nicht systematisch testen. Oft sind derartige Theorien dann auch so allgemein formuliert, dass man sie nicht oder kaum testen kann.

Kurz dazu, warum der Trident das Symbol der Psychologie ist. Falsch ist folgende Legende: Der Trident ist das Symbol des Teufels, weil psychische Erkrankungen früher als Form der Besessenheit gesehen wurden. Richtig ist: Der „Trident“ ist eigentlich der griechische Buchstabe „psi“, der ursprünglich die symbolische Bedeutung „Schmetterling“ hatte, später bei den Römern einen weiteren Bedeutungskreis als Symbol bekam mit „Atem“, „Energie“ und „Seele“.

Der nächste Abschnitt beschreibt die Aufgaben der Psychologie.

Aufgaben und Ziele der Psychologie

Psychologie hat vier große Aufgaben als empirische Wissenschaft. Sie soll menschliches Erleben und Verhalten beschreiben, erklären, vorhersagen und Konzepte für die Veränderung von Erleben und Verhalten entwickeln. Im Folgenden ein Blick auf diese vier Aufgaben.

Beschreibung
Begriffe wie Mitarbeitermotivation, Kundenzufriedenheit, Commitment, Berufserfolg oder Karriere sind für sich erst mal wertlos, wenn sie nicht genau beschrieben werden. Genau das ist ein wichtiges Ziel in der Psychologie diese Konstrukte sorgfältig zu beschreiben und zu definieren. Erst wenn dies geschehen ist, kann man beispielsweise sinnvolle und valide Messinstrumente dafür entwickeln. Sonst besteht die Gefahr, dass bei einem Konstrukt wie Mitarbeiterbindung jeder von etwas anderem redet – der eine vom Verbleib im Unternehmen, der nächste von emotionaler Bindung, der dritte von einer Art Zufriedenheit, der vierte von einem Mangel an Alternativen von anderen Arbeitsstellen. Exemplarisch wird hier der Begriff Karriere definiert: „Karriere ist der hierarchische Aufstieg in Organisationen, verbunden mit neuen Aufgaben und einer formellen neuen Stellenbezeichnung.“ Diese Definition macht Karriere messbar und hilft abzugrenzen was Karriere ist und was nicht – das reine Übernehmen neuer Aufgaben wäre hier noch keine Karriere nach dieser Definition.

Erklärung
Sobald Konstrukte wie Karriere definiert und messbar gemacht sind, können Psychologen anfangen zu messen und zu rechnen. Dazu benutzen sie meist Methoden der quantitativen Datenerhebung und der Statistik, um Erklärungen zu finden. Viele Menschen glauben, dass Karriere vor allem mit Arbeitsleistung zusammen hängt – das wird ihnen meist auch so von Unternehmen und Führungskräften vermittelt. Psychologen haben aber herausgefunden, dass der Zusammenhang zwischen Leistung am Arbeitsplatz und Karriere mit unter 10 Prozent insgesamt nicht sonderlich hoch ist (Van Scotter, Motowidlo und Cross, 2000; Carmeli, Shalom und Weisberg, 2007). Dagegen haben sich deutliche Zusammenhänge mit Networking, sozialem Kapital und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen gezeigt (vgl. Luthans, 1988; Ng et al., 2005). Beispielsweise machen extrovertierte Personen mit höherer Wahrscheinlichkeit Karriere. Auch Körpergröße spielt eine große Rolle für die Karriere, unter anderem, da unbewusst große Menschen eher als Führungskräfte ausgewählt werden (Hensley, 1993; Judge und Cable, 2004).

Vorhersage
Sobald Zusammenhänge erklärt sind, kann man Modell entwickeln, um Vorhersagen zu treffen. Beispielsweise kann man anhand der umfassenden Ergebnisse zu Einflüssen und Zusammenhängen der Karriere bei neuen Mitarbeitern oder Bewerbern vorhersagen mit welcher Wahrscheinlichkeit diese Karriere machen oder hohe Arbeitsleistung erbringen werden.

Veränderung
Vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben und Ziele der angewandten Psychologie ist Veränderung.
Anhand der gefundenen Zusammenhänge können beispielsweise Mitarbeiter gecoacht werden, damit sie schneller Karriere machen. Etwa indem sie Eigenschaften (z.B. wahrgenommene Ähnlichkeit mit Entscheidern und tiefere Stimme) und Verhalten (Networking, Proaktivität bei der Karriere) an sich verändern, um ihre Chancen zu erhöhen, ausgewählt zu werden als Führungskräfte.
Genauso können Psychologen auf Basis von Forschungsergebnissen den Unternehmen helfen, damit diese geeignete Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Menschen Karriere aus irrationalen Gründen machen (etwa weil sie groß sind, tiefe Stimmen haben, gut aussehen oder den Entscheidern ähnlich sind). Diese Unternehmen können ihre Personalauswahl dann anpassen, damit tatsächlich diejenigen Mitarbeiter mehr Verantwortung bekommen, die tatsächlich zu besseren Ergebnissen führen.

Der nächste Abschnitt stellt vor, wie sich die Erkenntnismethoden der Psychologie verändert haben.

Erkenntnisansätze der Psychologie

Die in der Psychologie zur Erkenntnis eingesetzten Methoden können nach vielfältigen Gesichtspunkten abgegrenzt werden. Besonders deutlich kann man dabei empirisch ausgerichtete und geisteswissenschaftlich geprägte Ansätze abgrenzen (vgl. v. Rosenstiel, 2007).

  • Empirische Psychologie beschreibt, erklärt und prognostiziert anhand von Theorien, die auf systematischer Beobachtung und Erfahrung beruhen, bzw. noch nicht falsifiziert werden konnten. Damit grenzt sie sich ab von psychologischen Ansätzen, die auf Grund von Intuition, Spekulation und introspektiver Plausibilität „Erklärungen“ anbieten. In der Wissenschaft wird Psychologie ganz überwiegend empirisch betrieben, man benutzt quantitative Methoden. Auch die Mehrheit der praktisch tätigen Wirtschaftspsychologen sind dem naturwissenschaftlich orientiertem Zweig hinzu zu zählen.
  • Neben dem empirisch-naturwissenschaftlich geprägten Forschungsstrang besteht auch schon länger ein geisteswissenschaftlich geprägter Zweig der Psychologie. Dieser Zweig orientiert sich nicht am beschreiben, erklären und vorhersagen mit allgemein gültigen Theorien, sondern möchte den einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit verstehen und Erklärungen anbieten. Mitunter werden auch Modelle entwickelt, die sich plausibel anhören – man überprüft diese aber nicht systematisch auf ihre Gültigkeit. Damit ist der Ansatz ebenfalls sehr fruchtbar für die Wirtschaftspsychologie, vor allem in der Praxis durch die zahlreichen qualitativen Methoden. Ob der Zweig wirklich als Wissenschaft mit dem Ziel eines generalisierbaren Erkenntnisgewinns bezeichnet werden kann, ist zweifelhaft und wird von den Anhängern dieses Zweiges auch meist nicht angestrebt. Eher handelt es sich hierbei um eine nützliche Methodensammlung, um im Einzelfall in der Praxis nützliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Obgleich sich diese Strömungen im Menschenbild stark unterscheiden und in der Wissenschaft deutlich getrennt voneinander auftreten, wirkt die Angewandte Psychologie hier integrativ. Disziplinen wie die Wirtschaftspsychologie bedienen sich der Forschungsergebnisse aller Strömungen, um Theorien für angewandte Fragestellungen zu entwickeln. Erst recht in der Praxis werden brauchbare Konzepte verschiedener Forschungsstränge ohne Dünkel nutzbar gemacht und oftmals auch zum Vorteil des konkreten Projektes miteinander kombiniert.

Ein Ziel von Psychologie ist also das Verändern von Verhalten und Erleben bei Menschen. Dabei ist oftmals der Vorwurf der Manipulation im Raum – gerade wenn es um wirtschaftspsychologische Maßnahmen geht, die sich auf Mitarbeiter und Kunden richten. Dazu das folgende Kapitel.