2. Wirtschaftspsychologie: Berufe, Jobs und Karriere

Wirtschaftspsychologen finden sich in vielen Berufen. Das liegt daran, dass Psychologie fast überall in der Wirtschaft zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor geworden ist, entsprechend vielfältig sind die Jobs. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wichtigsten Berufe der Wirtschaftspsychologie und zeigt die Jobaussichten, Berufswege und Karriereperspektiven für Studenten. …

Wirtschaftspsychologen arbeiten in den verschiedensten Berufen – aber immer mit dem Fokus auf Menschen

Wirtschaftspsychologie und Beruf – generelle Überlegungen

Psychologen haben bestimmte Stärken, die sie beruflich einbringen können.

  • Sie haben ein grundlegendes Verständnis wie Menschen funktionieren und Entscheidungen treffen, das weit über oberflächliche Betrachtungen und Perspektiven, die man in anderen Studiengängen dazu lernt hinaus geht.
  • Sie haben gelernt mit Menschen umzugehen, Informationen zu gewinnen und andere zu beeinflussen.
  • In der Regel hatten sie eine umfassende Methodenausbildung mit Kenntnissen zu Versuchsplanung, experimentellen Designs und statistischen Methoden, wie es sie in keinem anderen Studiengang in dieser Tiefe und Kombination gibt.

Diese Stärken braucht man in ganz verschiedenen Bereichen der Wirtschaft – denn Menschen und ihr Verhalten spielen fast überall eine Rolle. Vielleicht finden sich gerade deshalb bei Wirtschaftspsychologen die vielfältigsten Karrieren.

Berufe für Wirtschaftspsychologen im Personalbereich

Begriffe wie „Human Resources“ oder „Humankapital“ waren vielleicht ursprünglich nicht so gemeint, wie sie sich anhören, sie sind aber nicht mehr zeitgemäß: Mitarbeiter sind Menschen, keine leblose Ressource und Psychologie hilft, wenn es darum geht, die besten Mitarbeiter auszuwählen, wirksam einzusetzen, zu motivieren und zu entwickeln. Personalpsychologen geht es einmal um die Auswahl der geeigneten Personen. Typischerweise gestalten sie Bewerbungsprozesse, Auswahlgespräche und setzen eignungsdiagnostische Verfahren (psychologische Tests oder Assessment Center) ein. Sie helfen bei der Zuordnung der Mitarbeiter zu den geeigneten Stellen und Tätigkeiten und steuern die Weiterentwicklung des Personalbestandes.

Für diese Anforderungen sind psychologisches Fachwissen und insbesondere methodische und diagnostische Kompetenz von hoher Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Globalisierung empfehlen sich interkulturelle Kenntnisse.

Gestaltung von Arbeit, Motivation, Führung und Veränderung

Psychologen können auch sehr gut Prozesse gestalten – etwa Arbeit. Die psychologische Optimierung von Arbeit zur Steigerung von Zufriedenheit, Motivation, Gesundheit und Leistung ist ein klassisches psychologisches Handlungsgebiet. Eng damit zusammen hängen Aspekte der Führung, Motivation und Organisation sowie die psychologische Begleitung von Veränderungsprozessen.

Das für diese psychologischen Zielbereiche (wie Motivation) Psychologen gefragt sind, ist nicht weiter verwunderlich.

Marketing – Psychologie als Schlüssel im Kampf um die Kunden

Wirtschaftspsychologen machen häufig Karriere im Marketingbereich. Ein Grund dafür ist der starke Wettbewerb und die verstärkte Marktorientierung von Unternehmen. Auch sind wirklich objektivierbare Unterschiede zwischen Angeboten gering und können oft schnell imitiert werden. Die zentrale Bedeutung von Kunden und anderen Zielgruppen und ihrem Verhalten für den Unternehmenserfolg ist der Praxis daher zunehmend bewusst.

Der Bedeutung von psychologischen Kenntnissen kommt auch eine deutliche Bewegung des Marketings in psychologische Bereiche zugute. Nahezu alle aktuellen großen Themen im Marketing sind stark psychologisch orientiert: dazu zählen z.B. die Bereiche Kundenzufriedenheit und Kundenbindung, Markenführung und Markenwert, Beziehungen mit Kunden, Konsumentenverhalten und Entscheidungsprozesse im B2B-Bereich. Systeme zum Sammeln und Auswerten von Kundendaten (datamining, big data) werden immer komplexer. Hier haben Psychologen durch ihre hohe methodische Kompetenz und den wissenschaftlichen Hintergrund entscheidende Vorteile. Viele Verfahren, die in den Unternehmen und der Betriebswirtschaft an Bedeutung gewinnen (etwa die faktorenanalytischen Verfahren), stammen aus der Psychologie. Dieser Wissensvorsprung ist gefragt und zahlt sich aus.

Medien und Kommunikation als klassischer Berufsweg für Wirtschaftspsychologen

In der Medien- und Kommunikationsbranche besteht traditionell Bedarf an der Psychologie als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten. Schließlich soll Kommunikation sich auf das Erleben und Verhalten von Zielgruppen in der gewünschten Weise auswirken. Die konkreten Tätigkeiten können dabei sehr unterschiedlich sein: Von der strategischen Planung und Konzeptentwicklung in Werbe- und Kommunikationsagenturen über den Bereich der Unternehmenskommunikation bis zur Programmentwicklung und Gestaltung bei Medien.

In all diesen Feldern ist das Wissen um das menschliche Erleben und Verhalten von hoher Relevanz. Zudem sind zur Gestaltung und Überprüfung der Wirkung von Kommunikation fundierte psychologische und methodische Kenntnisse entscheidend.

Marktforschung als Berufsfeld für Wirtschaftspsychologen

Ein großes und schnell wachsendes Arbeitsfeld für Wirtschaftspsychologen ist die Markt- und Meinungsforschung. In den letzten zehn Jahren hat sich der Umsatz in dieser Branche auf über 18 Milliarden Euro verdoppelt. Europa ist mit derzeit mehr als 40% des Weltmarktes der mit Abstand wichtigste Marktforschungsmarkt. Entsprechend dominant sind europäische Marktforschungskonzerne. Deutschland ist international vorne mit dabei. Große Player wie TNS-Infratest oder die GfK sowie zahllose kleinere spezialisierte Unternehmen bieten interessante Arbeitsplätze in diesem Bereich.

Ein Psychologiestudium bereitet gut auf typische Tätigkeiten in der Marktforschung vor. Die hohe methodische Kompetenz von Psychologen bei der Auswertung und Interpretation von Daten ist hier ebenso erforderlich, wie die Fähigkeit, Fragen und Fragebögen erstellen und beurteilen zu können. Gerade im Bereich, der zunehmend nachgefragten qualitativen Methoden wie Fokusgruppen oder nondirektive Interviews, liegt eine psychologische Kernkompetenz. Darüber hinaus werden von Marktforschungsunternehmen vermehrt fertige „Tools“ eingesetzt. Diese werden häufig von Psychologen entwickelt. Das Wissen im Bereich Testkonstruktion kann hier sehr gut eingesetzt werden.

Kundenprozesse und Mensch-Maschine-Schnittstellen

Begriffe wie HMI (Human-Machine-Interaction) und Kognitive Ergonomie sind ebenfalls wachsende Berufsfelder für Wirtschaftspsychologen – sei es bei Mitarbeitern oder Kunden. Immer anspruchsvollere und komplexere Produkte unterscheiden sich zunehmend weniger in den technischen Eigenschaften. Usability und Ergonomie sind damit ein wesentliches Differenzierungsmerkmal für Websites, Software und Hightechprodukte.

Coaching und Trainings als Berufsweg der Wirtschaftspsychologie

Coaching und Trainings für Führungskräfte und andere Personen können ein lukratives Arbeitsfeld sein. Zentrale Anforderungen im Management wie Mitarbeiterführung, Gestalten von Gesprächen und Kommunikation sowie die Karriereplanung und Persönlichkeitsentwicklung, haben starken Psychologiebezug. Aber: Nur die wenigsten Personen mit einer Coaching-Ausbildung verdienen wirklich ihr Geld damit. Und jeder darf sich derzeit Coach nennen, der Begriff ist nicht geschützt. Es darf auch jeder einen Verband gründen, der Coaches zertifiziert oder Einrichtungen akkreditiert, die Coaches ausbilden. Es entsteht der Eindruck, dass sich hier vieles nur um sich selbst dreht und für die meisten eine Coachingausbildung eher ein Weg der Selbstfindung an sich ist, als ein Instrument darstellt, mit dem sie dann später anderen Menschen helfen.

Es gibt also unendlich viele Coaches aber sehr wenige gute. In diesem Feld gilt es daher einen entsprechenden „Namen“ zu haben, so dass sich ein direkter Einstieg gleich nach dem Studium schwer gestaltet. Es empfiehlt sich diese Option in einer späteren Phase der beruflichen Entwicklung zu erwägen. Sinnvoll kann zunächst eine Promotion und entsprechende praktische Erfahrung, etwa bei einer Unternehmensberatung, sein.

Wissenschaft und Lehre als Beruf

Die wenigsten Studierenden schlagen eine Karriere in der Wissenschaft ein. Das hat klare Ursachen: Derzeit sind die Bedingungen an den Universitäten allgemein nicht sonderlich gut, was Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen für den wissenschaftlichen Mittelbau anbelangt.
Allerdings erfreut sich die Wirtschaftspsychologie wachsender Beliebtheit an Hochschulen und Universitäten. Entsprechende Angebote nehmen rasant zu. Viele Hochschulen haben mittlerweile Wirtschaftspsychologie in das Lehrangebot aufgenommen. Insbesondere wächst die Zahl privater Anbieter, die Wirtschaftspsychologie in ihr Studienprogramm integrieren.

Warum braucht es eigentlich überhaupt Wirtschaftspsychologen, kann man das nicht alles mit gesundem Menschenverstand regeln? Dazu das nächste Kapitel.