20. Psychologie und Ethik

Ethik und Psychologie: Wie viel sollten Probanden über die Forschungsziele erfahren? Wie viel Stress ist zumutbar?

Psychologie berührt das Thema Ethik in vielfältiger Weise. Einerseits in der Forschung mit Menschen und Tieren. Noch viel stärker aber in der Anwendung, wo es um das Verändern des Erlebens (also z.B. des Denkens, Fühlens, Wollens oder der Entscheidungen) und des Verhaltens von Menschen geht. Das betrifft insbesondere die Wirtschaftspsychologie. Jede Veränderung von Emotionen, Motiven oder Entscheidungen ohne Information und Einwilligung der betreffenden Personen wirft unmittelbar ethische Fragen auf. Das gilt umso mehr, wenn nicht durchschaubare Techniken angewendet werden. Darum geht es in  diesem Kapitel. …

Ethik und psychologische Forschung

Psychologie berührt ethische Fragen bereits bei der Forschung. In wie weit werden Menschen oder Tiere mit Stress belastet, ggf. sogar mit Schmerzen? Was passiert mit den Daten von Versuchsteilnehmern? In wie fern werden Teilnehmer über die tatsächlichen Forschungsziele (nach) einem Versuch aufgeklärt? Wie sehr wird in das psychische Geschehen in einem Versuch eingegriffen? Welche Langzeitfolgen für Teilnehmer sind vertretbar?

Ein konkretes Beispiel für ein Experiment, bei dem genau solche Fragen auftreten, zeigt der Schaukasten.

Forschungsbeispiel: Milgram, 1963

Da sich die Frage aufdrängt, haben die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und der Berufsverband Deutscher Psychologen und Psychologinnen (BDP) gemeinsame ethische Richtlinien erstellt. Das Gleiche gilt für die American Psychological Association (APA). Folgende Gedanken sind dabei zentral.

  • Information und Einwilligung. Versuchsteilnehmer sollten, soweit es das Versuchsdesign zulässt, aufgeklärt werden und auf dieser Informationsgrundlage explizit in die Forschung einwilligen. Relevante Informationen sind beispielsweise Ablauf und Dauer des Versuches, das Recht jederzeit abzubrechen, welche Daten erhoben werden und wie damit umgegangen wird.
  • Druck und Incentivierung. Teilnehmer sollten nicht durch starken Druck von außen motiviert werden, etwa, weil sie in Abhängigkeitsverhältnissen stehen (Versuchspersonenpflicht für Studenten) oder durch übermäßige materielle Anreize (Bezahlung). Das läuft dem Gedanken der Freiwilligkeit zu wieder.
  • Nutzen vs. Risiken und Schaden. Der wissenschaftliche Nutzen bzw. Risiken sollten in ein sinnvolles Verhältnis nicht unterschreiten. Das gilt auch für psychologische Experimente, in denen Tiere als Probanden dienen.
  • Umgang mit Täuschung. Manche Versuche erfordern Täuschung der Teilnehmer über die wahren Ziele, damit die Ergebnisse nicht verzerrt werden. Häufig wird man Teilnehmern vorab überhaupt nicht mitteilen können, das ein Versuch stattfindet, ohne das Verhalten massiv zu beeinträchtigen und damit die Aussagekraft des Versuches zu gefährden. Bei solchen Versuchsbedingungen ist sinnvoll, Probanden nur in Aspekten zu täuschen, die ihre Teilnahme bei Kenntnis vermutlich nicht zentral beeinflussen würden. Zudem sollte nach dem Versuch eine Aufklärung über den tatsächlichen Ablauf und tatsächliche Ziele stattfinden.
  • Betreuung nach dem Versuch. Teilnehmer sollten nach einem Versuch eine angemessene Betreuung erhalten. Meist wird ein Abschlussgespräch oder eine kurze Info am Computerbildschirm mit einem Kontakt für weitere Fragen reichen.

Wie sieht es in der Forschungspraxis mit Ethik aus? Dazu der nächste Abschnitt.

Wirtschaftspsychologie: Ethik in der Forschungspraxis

Nicht nur das oben geschilderte Experiment von Milgram verletzt nahezu sämtliche ethische Gedanken. Sie sind als Orientierung zu verstehen und werden meist nicht voll eingehalten. Betrachtet man Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften im Bereich Wirtschaftspsychologie, dann wird kaum eine Studie den oben genannten Ansprüchen voll gerecht. Zu groß wäre der Verlust an Aussagekraft durch Aufklärung, zu aufwändig wäre ein Umfangreiches Durchführen und Dokumentieren von Einwilligungen.

Typisch – und oft erforderlich für die Aussagekraft einer Studie – sind beispielsweise getarnte Versuchssituationen, wie folgendes Beispiel.

Forschungsbeispiel: Strahan, Spencer und Zanna, 2002

Insbesondere bei Feldversuchen, bei denen Probanden Online auf Websites, in Geschäften und Supermärkten oder am Arbeitsplatz beeinflusst werden, gibt es meist keine Information oder Einwilligung. Auch nicht danach.

Auch hierzu ein Beispiel.

Forschungsbeispiel: Areni und Kim, 1993

Fazit: Ethische Leitgedanken sind wichtig und bieten Orientierung. Sie sind aber nicht das Einzige was zählt. In der konkreten Forschungspraxis nehmen Psychogen dann aber immer eine Abwägung aus ethischen Gedanken und dem Interesse an aussagefähigen Ergebnissen vor.

Wer bei Ethik und Wirtschaftspsychologie nur an Forschung denkt, hat eine sehr enge Perspektive. Kann der Wirtschaftspsychologie egal sein, was in der Praxis mit ihren Erkenntnissen passiert? Dazu das nächste Kapitel.