13. Wirtschaftspsychologie: Entwicklung und Geschichte

Psychologie als empirische Wissenschaft hat ihre Wurzeln in Deutschland. Das Kapitel stellt kompakt die wesentlichsten Entwicklungen und Akteure heraus und verzichtet auf eine langatmige vollständige Entwicklung und Geschichte der Wirtschaftspsychologie. …

Wirtschaftspsychologie blickt auf über 100 Jahre Entwicklung zurück

Ursprünge der Wirtschaftspsychologie

Wilhelm Wundt (1832-1920) gilt als der Begründer der empirischen und experimentellen Psychologie. Selbst war ihm die praktische Anwendung von Psychologie noch verfrüht, er wollte erst, dass sich aus der Psychologie eine ausgereifte Wissenschaft entwickelt, bevor sie sich praktischen Problemen der Anwendung widmen kann.

Hugo Münsterberg

Wundts Schüler Hugo Münsterberg (1863-1916) war anderer Ansicht und gilt als erster Proklamateur einer Angewandten Psychologie, worunter damals Wirtschaftspsychologie verstanden wurde. Man kann ihn als Vater einer empirischen Wirtschaftspsychologie bezeichnen. Münsterberg forderte die Erforschung von Psychotechniken und ihren Einsatzmöglichkeiten in der Wirtschaft. In seiner Schrift „Psychologie und Wirtschaftsleben“ (Münsterberg, 1912) skizziert er erstmalig die heute weit verbreiteten Disziplinen Personalpsychologie, Arbeitspsychologie und Marktpsychologie. Er vertritt damit eine ganzheitliche Perspektive der Wirtschaftspsychologie. Zu seiner Ehre verleiht der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.v. (BDP) die Hugo-Münsterberg-Medaille für Verdienste um die Angewandte Psychologie.

Ursprünge der Werbepsychologie

Walter Dill Scott (1869-1955), ebenfalls ein Schüler von Wundt, wandte sich der Werbepsychologie zu. Mit seinen Schriften wie der 1908 erschienenen „Psychology of Advertising“ gilt er als ein Pionier der psychologischen Werbeforschung. 1919 war er Präsident der American Psychological Association, dem weltweit größten Berufsverband von Psychologen.

Ursprünge der Arbeitspsychologie

In der Arbeitspsychologie ist der Name Frederick Winslow Taylor (1856-1915) relevant. Als Ingenieur prägte er den Begriff des Scientific Management. Dabei beschäftigte er sich mit Arbeitsprozessen, die er in kleinste Prozesse zerlegte und versuchte die optimale Art und Weise (the one best way) zu definieren, wie ein Arbeitsprozess abzulaufen habe. Die Konsequenz waren extrem standardisierte Arbeitsabläufe und eine starke Arbeitsteilung. Der Mensch und seine Bedürfnisse wurden dabei sehr ökonomisch betrachtet, weshalb der Fokus auf materielle Anreize gerichtet war. Taylor kann mit seiner Rationalisierung, dem Taylorismus, als unfreiwilliger Vorbereiter der Arbeitspsychologie angeführt werden. Sein Ansatz kann beschrieben werden als: „Fitting the man to the job.“ Wegen der beobachteten negativen Auswirkungen seines arbeitsteiligen und monotonen Ansatzes auf Mitarbeiter begann man sich mehr und mehr für deren Erleben zu interessieren. Die Disziplin der Arbeits- und Organisationspsychologie entwickelte sich und stellte den Menschen mit seiner Motivation mehr in den Mittelpunkt. Der Ansatz war mehr oder weniger Gegenteil des Taylorismus und kann als „Fitting the job to the man.“ betrachtet werden. Bekannt sind hier die Hawthorne Studies. Ursprünglich sollten diese Untersuchungen den Effekt von Lichtintensität auf Arbeitsleistung erheben. Im Versuchsdesign mit zwei Gruppen zeigte sich, dass in beiden Gruppen die Leistung zu nahm, wenn diese wussten, dass sie experimentell beobachtet werden, unabhängig von der Beleuchtungsintensität. Das lenkte die Aufmerksamkeit auf soziale Faktoren der Arbeit. Es wurde in weiteren Untersuchungen dieser Serie entdeckt, dass Arbeiter von ihrer Arbeitsgruppe sanktioniert werden wenn sie weniger leisten, als die von der Gruppe implizit definierte Arbeitsnorm – aber dass die Gruppe auch negativ reagiert und sanktioniert, wenn einzelne Mitglieder mehr leisten als die anderen in der Arbeitsgruppe.
Durch diese und andere Ergebnisse kam die Human Relations Bewegung auf, die sich mit der sozialen Interaktion und dem Erleben von Menschen in Gruppen und Organisationen befasst.

Ursprünge der Ökonomischen Psychologie

Ein Name, der hier jedoch noch erwähnt werden sollte, ist der Österreicher George Katona (1901-1981), der als Gründer der Ökonomischen Psychologie gilt. Katona war der erste, der psychologische Indikatoren für ökonomische Vorhersagen gebrauchte. Er glaubte, dass Kauf- und Konsumverhalten weniger von demographischen Indikatoren wie Alter und Einkommen, sondern viel mehr von psychologischen Komponenten wie der Motivation etwas zu kaufen oder Zukunftsaussichten abhängen. Auf seinen Forschungsarbeiten zum Optimismusindex basieren allseits bekannte Verfahren, die heute zur Messung von Konsumklima und anderen psychologischen Indikatoren der Volkswirtschaft verwendet werden.

In der Folgezeit finden zahlreiche psychologische Strömungen und Vertreter der Psychologie Zugang zur Wirtschaftspsychologie. Die Einflüsse laufen meist synchron mit der Entwicklung der Psychologie insgesamt. So finden sich Vertreter des Behaviorismus, der Motivationspsychologie, der Wahrnehmungspsychologie und andere unter den frühen Wirtschaftspsychologen.

Nicht immer war es in der Geschichte der Psychologie selbstverständlich auch auf das eigentlich Psychologische, das Erleben zu blicken. Davon handelt das nächste Kapitel.