Arten der Psychologie? Bereiche, Richtungen und Felder

Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen. Das ist in vielen Feldern wichtig: Gesundheit, Wirtschaft, Bildung. Entsprechend vielfältig sind die Arten der Psychologie. Das Kapitel gibt eine Übersicht der Richtungen und Bereiche dieser faszinierenden Wissenschaft. …

Psychologie hat Richtungen: Wie Äste fächern sich verschiedene Bereiche aus und Forschung und Anwendung erblühen

Richtungen der Psychologie

Innerhalb der empirischen Psychologie lassen sich drei zentrale Richtungen von einander abgrenzen: Die Grundlagenorientierte Psychologie, die Angewandte Psychologie und die Praktische Psychologie (Irle, 1975; Herrmann, 1979; v. Rosenstiel und Neumann, 2002).

Richtungen der Psychologie: Angewandte Psychologie als Brücke zur Praxis

Die folgenden Abschnitte stellen diese Richtungen der Psychologie vor und schildern die konkreten Bereiche.

Grundlagenorientierte Psychologie: Definition und Bereiche

Grundlagenorientierte Psychologie bezieht ihre Fragestellungen aus theoretischen Modellen. Ziel ist es, diese zu überprüfen und weiter zu entwickeln, um „Wahrheiten“ zu finden. Ein etwaiger Nutzen der Theorien in der Anwendung ist hier nicht von Relevanz (Holzkamp, 1970). Die Definition ist daher:

Grundlagenorientierte Psychologie interessiert sich für das Erleben und Verhalten von Menschen im allgemeinen. Sie entwickelt allgemein gültige theoretische Modelle und überprüft diese.

Wichtige Felder Grundlagenorientierter Psychologie sind die Allgemeine Psychologie, die Biologische Psychologie, die Differenzielle Psychologie, die Entwicklungspsychologie und die Sozialpsychologie.

  • Traditionell sehr relevant für die Wirtschaftspsychologie ist die Allgemeine Psychologie mit den Feldern Wahrnehmung, Motivation, Emotion und Gedächtnis.
    Insbesondere für die Werbepsychologie bieten die Theorien und Forschungsergebnisse der Allgemeinen Psychologie einen reichen Schatz zur Anwendung.
  • Immer stärker kommt die Biologische Psychologie zum Tragen. Einerseits zeigt sich die biologische Perspektive durch die immer weiter fortschreitende Technologie der bildgebenden Verfahren in Form der Neuropsychologie. Zum anderen nehmen evolutionäre Theorien innerhalb der Psychologie zu, die Verhalten auf Grund von angeborenen Mechanismen erklären, die durch natürliche Selektion entstanden sind. Das bereichert auch die Theorien und Modelle der Wirtschaftspsychologie.
  • In Form der Sozialpsychologie besitzt die Psychologie auch einen fließenden Übergang zur Soziologie, der Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben, den sozialen Beziehungen und Zusammenhängen der menschlichen Gesellschaft. Das ist insbesondere wichtig, da im Wirtschaftsleben oft kollektives Verhalten und Interaktion zwischen Individuen interessant ist, etwa das Verhalten von Subkulturen oder Mitarbeitergruppen.

Der nächste Abschnitt beschreibt die Angewandte Psychologie.

Angewandte Psychologie: Definition und Bereiche

Wo setzt man Psychologie ein? Die Angewandte Psychologie verbindet die Theorien der Grundlagenforschung und die praktische Anwendung miteinander zur wechselseitigen Befruchtung. Fragestellungen kommen sowohl aus der praktischen Anwendung als auch aus den theoretischen Modellen. Sie will gleichsam praktischen Nutzen schaffen und die theoretischen Modelle weiterentwickeln. Beide sind aus dieser Perspektive wichtig. Isolierte Theorie ohne Bezug zur Praxis läuft in die Leere, wird nicht an der Lebenswirklichkeit hinterfragt. Auf der anderen Seite führt eine blinde Praxis, ohne theoretischen Bezugsrahmen, nicht zu neuen Erkenntnissen und läuft Gefahr allgemeine Erkenntnisse nicht zu beachten. Leitidee ist hier das geflügelte Wort: Nichts ist praktischer als eine gute Theorie. Als Ideal der Angewandten Psychologie steht damit die Balance von Theorie, Praxis und Forschung. Angewandte Psychologie versteht sich als Brücke und Mittler zwischen Grundlagenorientierter Psychologie und Praktischer Psychologie. Die Definition ist:

Angewandte Psychologie interessiert sich für das Erleben und Verhalten von Menschen in einem bestimmten Anwendungskontext – etwa Arbeit, Konsum oder Bildung. Sie entwickelt für bestimmte Anwendungskontexte gültige theoretische Modelle und überprüft diese.

Wichtige Zweige Angewandter Psychologie sind die Klinische Psychologie, die Pädagogische Psychologie und die Wirtschaftspsychologie.

Beispiele: Anwendungsgebiete der Psychologie

Es gibt wesentlich mehr Anwendungsgebiete der Psychologie als den meisten Menschen bekannt sind. Hier eine kleine Übersicht.

  • Klinische Psychologie. Das wohl bekannteste Anwendungsgebiet der Psychologie sind psychische Erkrankungen. Hier arbeiten die meisten praktisch tätigen Psychologen und es gibt viel Forschung rund um das Anwendungsfeld. Dennoch verwechseln viele Menschen Klinische Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten. Psychiater haben aber Medizin studiert und betrachten psychische Erkrankungen aus der Perspektive der Medizin, verschreiben also beispielsweise Medikamente. Psychotherapeuten haben in der Regel eine Ausbildung in Psychotherapie abgeschlossen – oft wird das eine Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sein (Psychoanalyse). Man kann also sehr zugespitzt sagen: Der Psychologe ist der, der mit einem redet, der Psychiater verschreibt die Tabletten und der Psychotherapeut ist derjenige, der einem zuhört.
  • Kundenpsychologie. Andere Begriffe rund um dieses Gebiet sind Werbepsychologie, Marketingpsychologie, Verkaufspsychologie oder Vertriebspsychologie. Letztendlich handelt es sich um Psychologen, die rund um das Erleben und Verhalten von Kunden forschen. Etwa wie Kunden Preise wahrnehmen und wann sie bereit sind einen bestimmten Preis zu zahlen, wie Kunden bestimmte Marken erleben, Entscheidungen treffen und Konsumgewohnheiten entwickeln. Die erfolgreichsten Unternehmen, nahezu egal in welcher Branche, sind heute meist sehr psychologisch ausgerichtet. Dazu zählen Firmen wie Coca-Cola, Apple oder BMW. Sie verstehen wie Kunden entscheiden und nutzen die Macht von Emotionen, Marken und psychologischem Design.
  • Personalpsychologie. Viele Psychologen forschen auch rund um Mitarbeiter. Typische Forschungsschwerpunkte sind hier Mitarbeiterführung, Mitarbeitermotivation, Change-Management, Personalauswahl, Arbeitsgestaltung und Teamarbeit. Unternehmen und Führungskräfte erkennen zunehmend, dass das alte Modell Geld gegen Leistung nicht das wirksamste ist und versuchen mit Hilfe von Psychologen Mitarbeiter emotional an die Unternehmen und Ziele zu binden und wirklich zu motivieren. Ein Schlagwort, das diesen Trend beschreibt ist die Transformationale Führung. Auch erkennen Firmen zunehmend, dass Teams keine Selbstläufer sind, Veränderungsprozesse häufig an Mitarbeitern scheitern und Entscheidungen häufig nicht schnell und gut getroffen werden. Psychologen helfen hier Wettbewerbsvorteile zu realisieren.
  • Pädagogische Psychologie. Viele Psychologen sind aktiv im breiten Themenfeld Bildung, Erziehung, Förderung, Familie und Integration. Während viele den Schulpsychologen von früher kennen, ist mittlerweile in vielen Kinderkrippen schon Standard, dass Psychologen eine Sprechstunde anbieten. Eine ganze Schaar Psychologen ist mittlerweile in Kindergärten und Schulen unterwegs, kümmert sich um Inklusion und testet Kinder auf Dyskalkulie, Legasthenie, ADHS, Hochbegabung und weiteres. Gleichzeitig nimmt das Feld der Familienpsychologie und Eheberatung eine immer größere Bedeutung ein, in einer Welt in der jedes Jahr mehr Ehen geschieden als geschlossen werden und der Anteil an Patchwork-Familien und Alleinerziehenden sprunghaft steigt.
  • Verkehrspsychologie. Vielen Menschen ist die MPU ein Begriff, die Medizinisch-Psychologische Untersuchung. Verkehrspsychologen forschen sehr breit um das Erleben und Verhalten im Kontext von Verkehr. Welche Bremslichter fallen am besten auf? Wie können Fahrzeuge und deren Interfaces am besten bedient werden? Wer ist geeignet, Pilot zu werden? Wie verändert sich Fahrtüchtigkeit bei Schlafmangel? Liegt die optimale Fahrtüchtigkeit wirklich bei Null Promille? Wie reagieren Fahrer auf teilautonome Fahrzeuge und erhöht das tatsächlich die Sicherheit? Reduzieren breitflächige Tempolimits tatsächlich langfristig den CO2-Ausstoß oder kaufen sich Fahrer dann dicke SUV, da man eh nicht mehr sportlich fahren kann?
  • Kriminalpsychologie. Bei Kriminalität denken die meisten Menschen nicht an Psychologen – auch wenn viele bereits von Profiling und forensischer Psychologie gehört haben. Wie verhandelt man mit einem Geiselnehmer? Was ist ein Täter für eine Person, wie wird er sich weiter verhalten?
  • Nachrichtendienstpsychologie. Nachrichtendienste beschäftigen Psychologen. Geht es doch beispielsweise darum, Personen zur Kooperation zu gewinnen, um Informationen zu bekommen oder deren Verhalten im Sinne einer fremden Macht zu steuern. Typischerweise befassen sich Nachrichtendienstpsychologen auch mit Verhörmethoden. Das geht von eher harmlosen Fragestellungen, wie dem Erkennen von Lügen, bis hin zu extremeren Anwendungsbereichen wie Foltermethoden (Schlafentzug, Medikation, Sensorische Deprivation usw.). Das Denken im Westen wurde auch geprägt durch die Erfahrung, dass im Koreakrieg gefangene US-Amerikaner in der Regel als überzeugte Kommunisten aus der Gefangenschaft zurück kamen. Entsprechend untersuchte man die zu Grunde liegenden psychologischen Prinzipien. Die wenigsten Menschen, die heute Bilder von Guantanamo Bay sehen, verstehen, dass sie ein von Psychologen durch-gestaltetes und getestetes Konzept sehen, um Verhalten zu beeinflussen; ähnlich durchdacht wie ein Kaufhaus – nur mit ganz anderen Zielen. Weitere Anwendungsbereiche sind das Untergraben von Vertrauen in Regierungen, Beeinflussung von Wahlen und Finanzmärkten.
  • Krisenpsychologie. Jemand droht sich umzubringen? Es gibt Traumatisierte nach einem Unglück zu betreuen? Hierum kümmern sich spezialisierte Psychologen.
  • Militärpsychologie. Militärische Organisationen gibt es schon länger als wirtschaftliche. In so fern stellten sich hier schon früh Fragen, die man später in der Wirtschaft und anderswo übernahm. Wer ist beispielsweise geeignet für welche Stelle bzw. Anwendung? Tatsächlich wissen viele nicht, dass Assessment-Center ihre Ursprünge in der Wehrmacht und Persönlichkeitstests sowie Intelligenztests ihre Anfänge im US-Militär hatten. Aber Psychologie für militärische Anwendungen reicht viel weiter. Kriege werden nicht in erster Linie wegen militärischer Überlegenheit gewonnen oder verloren, sondern aus psychologischen Gründen. Häufig gewinnt die Seite, der es besser gelingt, die eigenen Truppen zu ideologisieren. Ein gutes Beispiel ist der Vietnamkrieg. Die USA hatten die Südvietnamesen bis an die Zähne bewaffnet, sie waren so den Nordvietnamesen scheinbar überlegen. Zudem wurden mehr als doppelt so viele Bomben wie im zweiten Weltkrieg abgeworfen, fast das gesamte Land entlaubt und mit Dioxin verseucht – umsonst. Die Nordvietnamesen kämpften ideologisiert und entschlossen weiter, während Südvietnamesen und US-Amerikaner zunehmend kriegsmüde wurden, die Bevölkerung in den USA dem Krieg irgendwann die Unterstützung entzog. Entsprechend wichtig sind Militärpsychologen, die sich darum kümmern, Soldaten eine Ideologie zu vermitteln, Zusammenhalt zu fördern, das Gefühl fördern, unbesiegbar zu sein  – und entsprechendes beim Gegner zu untergraben.
  • Sportpsychologie. Eine olympische Medaille gewinnen ohne mentale Stärke? Unvorstellbar, ziemlich egal in welcher Disziplin. Wer sich mit Extremsportlern unterhält (ob Bergsteiger, die 7000er Berge erklimmen oder Ironman Triathlon Athleten) hört immer ähnliches: Körperlich könnten es viele schaffen – am Ende entscheidet es die mentale Stärke. In so fern sind Psychologen und Psychologie schon lange im Peak-Performance-Bereich zu Hause. Sie vermitteln Spitzensportlern wie sie ihre Emotionen, Motive und Gedanken einsetzen, um zu gewinnen. Ein Beispiel: Warum steht Christiano Ronaldo so merkwürdig (Breitbeinig und mit erhobenem Kinn) für mehrere Sekunden vor Freistößen am Fußballfeld? Weil er mit dieser Körperhaltung seinen Cortisolspiegel absenken und Testosteron erhöhen kann – er bekommt genau die richtige physiologische und psychologische Basis für den zu schießenden Freistoß.

Und natürlich gibt es viele andere Anwendungsbereiche der Psychologie, wie Medien, Altern, Gesundheit oder Kunst und Design.

Was ist jetzt Praktische Psychologie? Dazu der folgende Abschnitt.

Praktische Psychologie: Definition

Praktische Psychologie interessiert sich für die Lösung einer praktischen Fragestellung im konkreten Einzelfall. Beispielsweise wie die Qualitätswahrnehmung der Kunden von Mercedes-Benz erhöht werden kann oder wie man die Abbruchquote von Kunden an Geldautomaten reduzieren kann. Sie möchte keine generalisierbaren Erkenntnisse gewinnen, beschäftigt sich nicht mit der Weiterentwicklung theoretischer Modelle, sondern ist alleine am praktischen Nutzen in einer spezifischen Situation orientiert. Die Definition ist:

Praktische Psychologie interessiert sich für das Erleben und Verhalten von Menschen in Bezug auf eine konkrete praktische Herausforderung. Sie entwickelt Lösungen für eine spezifische Fragestellung.

Der letzte Abschnitt gibt Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung.

Angewandte Psychologie: Literatur

Aktuelle Literatur-Tipps zu Angewandte Psychologie.

Tipp
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Weiter geht es mit einem Kapitel, das zeigt wie die Praktische Psychologie von der Angewandten Psychologie profitiert.