5. Selbsterfüllende Prophezeiung: Beispiele und Psychologie

Für viele hört sich die Selbsterfüllende Prophezeiung und Forschung dazu unglaublich an: Unsere Erwartungen an andere Menschen führen dazu, dass sie sich selbst bestätigen (Rosenthal und Babad, 1985; Eden, 1990). Dieses Phänomen der Psychologie hat man mit vielen Begriffen bezeichnet als Rosenthal-Effekt, Pygmailion-Effekt oder auch sich selbsterfüllende Prophezeiung. Ein Mitarbeiter kann mehr, nur weil man es von ihm erwartet? Ein Kind entwickelt sich besser, weil seine Eltern an es glauben? Wie funktioniert das konkret? Dazu dieses Kapitel.
Es zeigt ein Beispiel, erklärt die Theorie und Prozesse dahinter, stellt ein klassisches Experiment dar und liefert die entscheidenden Tipps, wie wir dieses Phänomen für uns nutzen können. …

Selbsterfüllende Prophezeiung: Die Überzeugungen der Menschen in unserem Umfeld sind mächtig – manchmal formen sie uns zu dem, was andere in uns sehen

Selbsterfüllende Prophezeiung: Experiment

Wie hat alles angefangen? Das Experiment in einer Grundschule von Rosenthal und Jacobson ist eine klassische Studie zur Selbsterfüllenden Prophezeiung und hat breites Interesse am Thema geweckt.

Forschungsbeispiel Selbsterfüllende Prophezeiung: Rosenthal und Jacobson, 1968

Ein wichtiges Ergebnis anderer Studien ist, dass der Effekt der Beeinflussung von Erwartungen umso stärker wirkt, je weniger gut sich die beteiligten Personen kennen (Raudenbush, 1984). Das ist logisch, denn wenn sich Personen schon besser kennen, sind die Annahmen bereits relativ gefestigt. Es geht also darum, Annahmen über Menschen relativ früh in die zweckmäßige Richtung zu beeinflussen.

Der nächste Abschnitt zeigt die Theorie zur Selbsterfüllenden Prophezeiung.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Psychologie

Wie genau läuft der Prozess einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung psychologisch ab? Auch wenn an der Oberfläche sehr unterschiedliche Kontexte betroffen sind: Erwartungen von Eltern an Kinder, Führungskräften an Mitarbeiter, Ärzten an Patienten. Die Schritte in diesem Prozess sind aus Sicht der Psychologie am Ende immer die selben:

  1. Menschenbild der Person A
    Person A hat Überzeugungen über Person B entwickelt.
  2. Verhalten der Person A
    Entsprechend dieses Menschenbildes verhält sich Person A gegenüber Person B.
  3. Selbstbild und Eigenschaften der Person B
    Dieses Verhalten beeinflusst bei Person B das Selbstbild und die Eigenschaften, häufig in Richtung der Erwartungen von Person A. Mitunter internalisieren Personen das fremde Bild, übernehmen es also und glauben selbst daran.
  4. Verhalten der Person B
    Person B verändert ihr Verhalten in Richtung der Überzeugungen von Person B.

Und hier schließt sich der Kreis: Person A nimmt das Verhalten wahr und interpretiert es wieder in Richtung ihres Menschenbildes. Ihr Bild über Person B festigt sich. Und so geht es immer weiter. Es sei denn die inneren Menschenbilder und ihre Auswirkungen werden der Person A bewusst und sie ändert Einstellung und Verhalten.

Es handelt sich also um einen sich selbst stabilisierenden Kreislauf, der dazu führt, dass Menschen sich tatsächlich in die Richtung entwickeln, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Das kann in eine positive (Engelskreis) oder in eine negative Richtung (Teufelskreis) gehen.

Die Wirkmechanismen aus diesem Experiment gelten in sehr vielen Bereichen. Das zeigt der nächste Abschnitt.

Rosenthal-Effekt als Beispiel für Selbsterfüllende Prophezeiung

Diesen Effekt hat man unter anderem gefunden bei Schulkindern, Patienten, Mitarbeitern, Sportlern – und sogar bei Liebesbeziehungen (Downey et al., 1998). Er wirkt offenbar robust und bereichsübergreifend. Man bekommt, was man erwartet – und sei es mehr Innovationen von Mitarbeitern, die man für kreativ hält (Tierney und Farmer, 2004).

Anhand einer Eltern-Kind Beziehung kann man den Rosenthal-Effekt gut darstellen.

Eine Mutter entwickelt die Überzeugung, ihr Sohn sei wenig begabt. Entsprechend diesem Menschenbild wird die Mutter sich verhalten: Der Sohn bekommt weniger herausfordernde Aufgaben, darf nicht viel selbst entscheiden, seine Entscheidungen werden hinterfragt und kontrolliert und er bekommt weniger Lob. Als Konsequenz entwickelt der Sohn ein geringeres Selbstvertrauen und hat weniger Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen zu erwerben. Entsprechend wird der Sohn in seinem Verhalten weniger erfolgreich und kompetent sein. Die Mutter, die das beobachtet, wiederum wird in ihrem Menschenbild gefestigt und sich noch intensiver in diese Richtung verhalten. Ein perfekter Teufelskreis, der dazu führt, dass der Sohn tatsächlich wenig begabt wird und sich immer mehr in diese ungünstige Richtung entwickelt.

Dieses Beispiel lässt sich ohne weiteres auf die Führung von Mitarbeitern übertragen. Es ist klar, worauf es hinausläuft, wenn eine Führungskraft die Überzeugung entwickelt hat „Meine Mitarbeiter sind unfähige Idioten, man sollte mir Schmerzensgeld zahlen, damit ich ihnen beim Arbeiten zusehe, lieber mache ich es selbst, dann habe ich weniger Arbeit!”. Diese Führungskraft wird am Ende alle ihre Mitarbeiter tatsächlich zu unselbständigen Idioten entwickelt haben – nicht zuletzt auch weil die kompetenteren Mitarbeiter gegangen sind.

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen gibt es aber in mehr Formen als nur den Rosenthal-Effekt. Das zeigt der nächste Abschnitt. Er gibt eine allgemeine Definition für Selbsterfüllende Prophezeiungen.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Definition und Beispiele

Um zu einer Definition zu gelangen, ist es sinnvoll die vorangehenden Abschnitte zusammenzufassen. Menschen haben also Konzepte über andere Personen (Alltagspsychologie) oder die Welt. Diese Konzepte sind oft nicht zutreffend. Dennoch können durch das aus den falschen Konzepten springende Verhalten die ursprünglich falschen Konzepte über die Wirklichkeit real werden.

Es gilt folgende Definition:

Eine Selbsterfüllende Prophezeiung ist eine falsche Annahme über die Realität, die dazu führt, dass der Träger sein Erleben und Verhalten so ändert, dass diese falsche Annahme tatsächlich real wird.

Bei diesen Fehlannahmen muss es nicht, wie oben in den Beispielen geschildert, um andere Menschen gehen. Die Prophezeiung kann auch einen selbst betreffen. Für diesen Effekt gibt es viele unterschiedliche Beispiele:

  • Placebo-Effekt: Der Glaube an die Wirksamkeit einer (vermeintlichen) Medizin führt dazu, dass tatsächlich eine Besserung eintritt.
  • Nocebo-Effekt: Die falsche oder übertriebene Überzeugung, dass etwas schädlich ist oder bestimmte Nebenwirkungen hat, führt tatsächlich zu diesen Wirkungen. Ein interessanter Effekt ergibt sich beispielsweise aus dem in asiatischen Kulturen verbreiteten Aberglauben, die Zahl vier bringe Unglück. Dieser hat seinen Ursprung darin, das sich das Wort für vier auf Mandarin anhört wie das Wort für Tod. Diese Überzeugung führt offenbar dazu, dass asiatisch-stämmige US-Amerikaner tatsächlich statistisch gehäuft am vierten eines Monats versterben (Phillips et al., 2001).
  • Ein typisches Beispiel ist auch übertriebene Prüfungsangst aus der verzerrten Annahme, dass man scheitern wird. Diese Angst führt dann zu hohem Stress und daraus schlechterer Prüfungsleistung.

Im letzten Abschnitt zur Frage, welche Tipps sich für die Praxis aus der Selbsterfüllenden Prophezeiung ergeben.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Tipps

Wie kann man die Selbsterfüllende Prophezeiung in der Praxis für sich nutzen? Dazu die folgenden Tipps.

Praxistipps

Gerade wenn Führungskräfte eher pessimistische Annahmen über ihre Mitarbeiter haben, besteht die Gefahr einer negativen sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Mitarbeiter entwickeln sich dann genau in die Richtung, die von der Führungskraft befürchtet wird.

Der letzte Abschnitt gibt Literaturhinweise zur weiteren Vertiefung.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Literatur

Aktuelle Literatur-Tipps zur sich selbsterfüllenden Prophezeiung.

Tipp
Selbsterfüllende Prophezeiungen in der Schule: Leistungserwartungen von Lehrkräften und...
  • Lorenz, Georg (Autor)
  • 260 Seiten - 20.10.2017 (Veröffentlichungsdatum) - Springer VS (Herausgeber)
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Wie Erwartungen Ihr Leben bestimmen
  • Wolter, Ramona (Autor)
  • 220 Seiten - 24.06.2019 (Veröffentlichungsdatum) - BoD – Books on Demand (Herausgeber)
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Selbsterfüllende Prophezeiungen: When belief creates reality
  • Wagner, Sebastian A. (Autor)
  • 20 Seiten - 19.04.2011 (Veröffentlichungsdatum) - GRIN Verlag (Herausgeber)
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Die selbsterfüllende Prophezeiung im Schulwesen: Wie die Erwartungshaltungen der...
  • Glatz, Christine (Autor)
  • 28 Seiten - 19.07.2011 (Veröffentlichungsdatum) - GRIN Verlag (Herausgeber)
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Selbsterfüllende Prophezeiungen im Sport. Der Einfluss von Gedanken auf die menschliche...
  • Anonym (Autor)
  • 16 Seiten - 23.01.2015 (Veröffentlichungsdatum) - GRIN Verlag (Herausgeber)

Ein Menschenbild ist in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft besonders weit verbreitet. Es ist bewusst oder unbewusst bei vielen Entscheidungen Grundlage: Der Mensch als rationaler, mündiger und vernünftiger Entscheider, der Homo oeconomicus. Auch er kann als alltagspsychologische Theorie betrachtet werden. Das nächste Kapitel diskutiert dieses Menschenbild und dessen Annahmen.