5. Selbsterfüllende Prophezeiung: Wie Überzeugungen Wirklichkeit werden

Bei Menschenbildern gibt es einen interessanten Effekt: Sie führen oft dazu, dass sie sich selbst bestätigen (Rosenthal und Babad, 1985; Eden, 1990). Dieses Phänomen hat man mit vielen Begriffen bezeichnet als Rosenthal-Effekt, Pygmailion-Effekt oder auch Selbsterfüllende Prophezeiung. Ein Mitarbeiter kann mehr, nur weil man es von ihm erwartet? Ein Kind entwickelt sich besser, weil seine Eltern an es glauben? Wie funktioniert das konkret? Dazu dieses Kapitel.
Es zeigt ein Beispiel, erklärt die Theorie und Prozesse dahinter, stellt ein klassisches Experiment dar und liefert die entscheidenden Tipps. …

Selbsterfüllende Prophezeiung: Die Überzeugungen der Menschen in unserem Umfeld sind mächtig – manchmal formen sie uns zu dem, was andere in uns sehen

Selbsterfüllende Prophezeiung: Beispiel

Als erstes ein typisches Beispiel für den Rosenthal-Effekt anhand einer Eltern-Kind Beziehung. Eine Mutter entwickelt die Überzeugung, ihr Sohn sei wenig begabt. Entsprechend diesem Menschenbild wird die Mutter sich verhalten: Der Sohn bekommt weniger herausfordernde Aufgaben, darf nicht viel selbst entscheiden, seine Entscheidungen werden hinterfragt und kontrolliert und er bekommt weniger Lob. Als Konsequenz entwickelt der Sohn ein geringeres Selbstvertrauen und hat weniger Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen zu erwerben. Entsprechend wird der Sohn in seinem Verhalten weniger erfolgreich und kompetent sein. Die Mutter, die das beobachtet, wiederum wird in ihrem Menschenbild gefestigt und sich noch intensiver in diese Richtung verhalten. Ein perfekter Teufelskreis, der dazu führt, dass der Sohn tatsächlich wenig begabt wird und sich immer mehr in diese ungünstige Richtung entwickelt.

Dieses Beispiel lässt sich ohne weiteres auf die Führung von Mitarbeitern übertragen. Es ist klar, worauf es hinausläuft, wenn eine Führungskraft die Überzeugung entwickelt hat „Meine Mitarbeiter sind unfähige Idioten, man sollte mir Schmerzensgeld zahlen, damit ich ihnen beim Arbeiten zusehe, lieber mache ich es selbst, dann habe ich weniger Arbeit!”. Diese Führungskraft wird am Ende alle ihre Mitarbeiter tatsächlich zu unselbständigen Idioten entwickelt haben – nicht zuletzt auch weil die kompetenteren Mitarbeiter gegangen sind.

Der nächste Abschnitt zeigt die Theorie zur Selbsterfüllenden Prophezeiung.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Theorie

Wie genau läuft der Prozess aus wissenschaftlicher Sicht ab? Die Schritte in diesem Prozess sind immer die selben:

  1. Menschenbild der Person A
    Person A hat Überzeugungen über Person B entwickelt.
  2. Verhalten der Person A
    Entsprechend dieses Menschenbildes verhält sich Person A gegenüber Person B.
  3. Selbstbild und Eigenschaften der Person B
    Dieses Verhalten beeinflusst bei Person B das Selbstbild und die Eigenschaften, häufig in Richtung der Erwartungen von Person A. Mitunter internalisieren Personen das Fremde Bild, übernehmen es also und glauben selbst daran.
  4. Verhalten der Person B
    Person B verändert ihr Verhalten in Richtung der Überzeugungen von Person B.

Und hier schließt sich der Kreis: Person A nimmt das Verhalten wahr und interpretiert es wieder in Richtung ihres Menschenbildes. Ihr Bild über Person B festigt sich. Und so geht es immer weiter. Es sei denn die inneren Menschenbilder und ihre Auswirkungen werden der Person A bewusst und sie ändert Einstellung und Verhalten.

Es handelt sich also um einen sich selbst stabilisierenden Kreislauf, der dazu führt, dass Menschen sich tatsächlich in die Richtung entwickeln, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Das kann in eine positive (Engelskreis) oder in eine negative Richtung (Teufelskreis) gehen. Diesen Effekt hat man unter anderem gefunden bei Schulkindern, Patienten, Mitarbeitern, Sportlern – und sogar bei Liebesbeziehungen (Downey et al., 1998). Er wirkt offenbar robust und bereichsübergreifend. Man bekommt, was man erwartet – und sei es mehr Innovationen von Mitarbeitern, die man für kreativ hält (Tierney und Farmer, 2004).

Der nächste Abschnitt zeigt ein klassisches Experiment.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Experiment

Wie hat alles angefangen? Das Experiment in einer Grundschule von Rosenthal und Jacobson ist eine klassische Studie zur Selbsterfüllenden Prophezeiung und hat breites Interesse am Thema geweckt.

Forschungsbeispiel Selbsterfüllende Prophezeiung: Rosenthal und Jacobson, 1968

Ein wichtiges Ergebnis anderer Studien ist, dass der Effekt der Beeinflussung von Erwartungen umso stärker wirkt, je weniger gut sich die beteiligten Personen kennen (Raudenbush, 1984). Das ist logisch, denn wenn sich Personen schon besser kennen, sind die Annahmen bereits relativ gefestigt. Es geht also darum, Annahmen über Menschen relativ früh in die zweckmäßige Richtung zu beeinflussen.

Im letzten Abschnitt zur Frage, welche Tipps sich für die Praxis aus der Selbsterfüllenden Prophezeiung ergeben.

Selbsterfüllende Prophezeiung: Tipps

Wie kann man die Selbsterfüllende Prophezeiung in der Praxis für sich nutzen? Dazu die folgenden Tipps.

Praxistipps
Die Wirkungen der Menschenbilder machen relativ deutlich, mit welchem Menschenbild man Mitmenschen besser entwickeln wird:

  • Am Beginn einer Beziehung sollte man starten mit einem Bild, das geprägt ist von Vertrauen, Glaube an die Fähigkeiten und Motivation des anderen Menschen (etwa eines Mitarbeiters/Kindes/Partners) und Wertschätzung. Diese innere Haltung spürt das Gegenüber und wird sich eher in diese Richtung entwickeln.
  • Zudem hat man so eine bessere Chance, eine gute Beziehung zu diesem Menschen aufzubauen. Eine wichtige Basis für die Führung und jede andere Form der Zusammenarbeit oder des Miteinanders.
  • Natürlich darf man nicht blindlings an diesem Bild festhalten, wenn die Person sich deutlich entgegengesetzt verhält. Die Chance für einen guten Start ist es aber meist wert, einen Vertrauensvorschuss zu geben. Der Trick beim Vertrauensvorschuss ist, dass es eben nur ein Schuss ist – ein bisschen mehr also als man eigentlich für angemessen hält.
  • Menschenbilder sollten also immer etwas (aber nur etwas) positiver sein, als eigentlich objektiv gerechtfertigt. Behandeln Sie Ihre Mitmenschen immer als ein wenig kompetenter, selbständiger, vertrauenswürdiger… als diese vielleicht tatsächlich sind. So entwickeln Sie diese Menschen in die gewünschte Richtung.

Die Selbsterfüllende Prophezeiung können wir aber nicht nur in Form unserer Überzeugungen gegenüber anderen Menschen nutzen. Es lohnt sich auch das Bild, das andere von uns haben, von Anfang an in eine günstige Richtung zu formen – die Macht des ersten Eindrucks. Die Chancen stehen in der Folge gut, dass uns unser soziales Umfeld ganz unbewusst hilft, zu dem Menschen zu werden, der wir sein wollen. Das Bild, dass wir vermittelt haben, wird also zur Realität, weil diese Mitmenschen uns in die Richtung ihrer Erwartungen bewegen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt, vielleicht der wichtigste, sind unsere Annahmen über uns selbst. Wer – in gesundem Maße – glaubt „Ich kann das, ich bin den Herausforderungen gewachsen!“ entwickelt sich besser als jemand, der über sich selbst befürchtet, nichts zu können und zu schaffen. Resultat ist dann eine höhere Selbstwirksamkeitserwartung und diese hat sehr positive Auswirkungen (vgl. z.B. Stajkovic und Luthans, 1998): Eine höhere Ausdauer beim Verfolgen von Zielen und erhöhte Anstrengung bei Misserfolg (statt aufzugeben).

Gerade wenn Führungskräfte eher pessimistische Annahmen über ihre Mitarbeiter haben, besteht die Gefahr einer negativen sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Mitarbeiter entwickeln sich dann genau in die Richtung, die von der Führungskraft befürchtet wird.

Ein Menschenbild ist in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft besonders weit verbreitet. Es ist bewusst oder unbewusst bei vielen Entscheidungen Grundlage: Der Mensch als rationaler mündiger und vernünftiger Entscheider, der Homo oeconomicus. Auch er kann als alltagspsychologische Theorie betrachtet werden. Das nächste Kapitel diskutiert dieses Menschenbild und dessen Annahmen.