12. Führung, die Mitarbeiter motiviert

Wie kann Führung Mitarbeiter motivieren? Darum geht es in diesem Kapitel. Zuerst folgt eine Diskussion, wie Führung sich auf Motivation auswirkt. Danach stellt der Text zwei Perspektiven auf Führung vor, die ganz besonders zur Motivation der Mitarbeiter beitragen: Transformationale Führung und charismatische Führung.

Führung und Motivation

Zunächst einmal zur Frage, was Führung überhaupt bedeutet (Becker, 2015):

Führung ist die zielgerichtete Beeinflussung des Erlebens und des Verhaltens von Einzelpersonen und von Gruppen innerhalb von Organisationen.

Diese zielgerichtete Beeinflussung wird letztendlich meist über Motivation laufen. Führung und Motivation sind damit nicht das Gleiche aber erfolgreiche Führung ohne Motivation ist schwer vorstellbar. Beide Themen – Führung und Motivation – sind damit sehr eng verbunden.  Letztendlich haben Führungskräfte natürlich auf alle der in diesem Text angesprochenen Aspekte Einfluss und können darüber einen Beitrag zur Motivation der Mitarbeiter leisten. Führungskräfte haben einen entscheidenden Einfluss auf die motivierende Gestaltung eines Arbeitsumfeldes. Sie können Motivationshindernisse verringern, wie Konflikte, Bürokratie oder mangelnde Ressourcen. Und sie können Motivationstreiber fördern, wie die Entwicklung der Mitarbeiter oder ein gutes Klima und Zusammenhalt am Arbeitsplatz. Darüber hinaus können Führungskräfte dazu beitragen, dass es klare und motivierende Ziele gibt, Aufgaben motivierend gestaltet sind und Anreizsysteme gestalten. Die Liste an Möglichkeiten für Führungskräfte, die Arbeitsmotivation zu beeinflussen, ließe sich beliebig fortsetzen. Kurzum – es gibt keinen Bereich der Mitarbeitermotivation, den Führungskräfte nicht mitgestalten können. Und es gibt unzählige Führungsinstrumente, die Einfluss auf die Motivation nehmen, wie etwa Zielvereinbarungen, Lob und Anerkennung oder wertschätzende Rückmeldung, wie ein Projekt gelaufen ist.

Katastrophal sind die Auswirkungen auf Motivation, wenn Führung ausbleibt, denn dann entfallen all die positiven Möglichkeiten, auf die Arbeitsmotivation einzuwirken. Noch schlimmer wird es, wenn Führungskräfte für die Arbeitsmotivation schädigende Maßnahmen aktiv ergreifen – Bürokratie aufbauen, Unsicherheit bei Mitarbeitern hervorrufen, wesentliche Ressourcen einsparen usw. Dies macht hohe Arbeitsleistung unmöglich, bremst dann sogar die engagiertesten Mitarbeiter und fördert die Entfremdung von der Arbeit.

Dieses Kapitel soll aber nicht alle anderen Kapitel zusammenfassen und kurz bei jedem Thema erwähnen, dass hier natürlich auch die Führungskraft wichtig ist. Daher konzentriert sich der Text im Folgenden auf zwei modernere Perspektiven auf Führung, die in ganz besonderem Maße dazu beitragen, dass Mitarbeiter motiviert sind: Transformationale Führung und charismatische Führung. Der nächste Abschnitt stellt transformationale Führung vor.

Transformationale Führung

Ein Ziel von Führung ist mittlerweile in manchen Unternehmen die Transformation der Geführten, man spricht von transformationaler Führung. Diese strebt an, dass sich Mitarbeiter anstatt von äußeren Anreizen (etwa der Bezahlung) aus innerem Commitment für die Organisation und deren Ziele einsetzen. Das erfordert Führungskräfte, die ihre Geführten für das Unternehmen und dessen Ziele begeistern können und einen besonderen Einfluss auf diese Personen ausüben. Auswirkungen sind dann überdurchschnittliches Engagement der Mitarbeiter sowie hohe Loyalität und starke Bindung an die Führungsperson (Aryee et al., 2012).

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Abbildung: Transformation als Ergebnis von Führung

Wie die Abbildung zeigt, konzentriert sich transformationale Führung nicht direkt auf klassische Ziele wie die Arbeitsleistung der Mitarbeiter – transformationale Führung konzentriert sich auf die Mitarbeiter selbst, auf ihre Veränderung hin zu begeisterten Anhängern. Mit derartig transformierten Mitarbeitern lassen sich dann letztendlich auch überlegene Leistungsergebnisse erzielen (Avolio, 2011). So zeigen Mitarbeiter, die transformational geführt werden, ein höheres Commitment und höhere Leistung als traditionell geführte Mitarbeiter (Barling, Weber und Kelloway, 1996).

Dabei wirken transformationale Führungskräfte mit vier zentralen Ansatzpunkten auf die Motivation der Mitarbeiter (Bass und Riggio, 2006; Moss, 2009):

Inspirierende Motivation

Idealisierter Einfluss

Intellektuelle Stimulierung

Individuelle Berücksichtigung

Diese Auflistung macht klar, dass transformationale Führung aus einer Mischung an verschiedenen sinnvollen Maßnahmen besteht. Vereint werden diese  Maßnahmen durch das gemeinsame Ziel: Das Denken und die Motivation der Mitarbeiter tiefgreifend zu verändern.

Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass bei dem Ziel einer Transformation der Geführten ethische Fragen auftreten. Die Transformation eines Mitarbeiters zum innerlich überzeugten Anhänger stellt schließlich einen tiefgehenden Eingriff in dessen Erleben und Verhalten dar.

Transformation von geführten steht in engem Zusammenhang mit Charisma. Davon handelt der nächste Abschnitt.

Charismatische Führung

Im Kontext von Transformation wird oft auch der Begriff der charismatischen Führung erwähnt. Charismatische Führung ist dabei unabhängig von einer moralischen und subjektiven Wertung. Man wird diese Eigenschaften Mahatma Gandhi ebenso wie Adolf Hitler oder Osama Bin Laden zuschreiben. Diese Führungspersönlichkeiten haben starken Einfluss auf ihre Anhänger ausgeübt, und zwar fernab rein materieller Anreize. Sie haben ihre Anhänger transformiert, aus innerer Überzeugung das gewünschte Verhalten zu zeigen. Das führt auch zur Beobachtung, dass charismatische Personen meist stark polarisieren. Es gibt oft fanatische Anhänger ebenso wie Ablehner.

Es stellte sich die Frage: Was macht diese Führungskräfte besonders? Meist werden folgende Aspekte im Zusammenhang mit derartigen Führungspersonen genannt:

starke kommunikative Fähigkeiten

eine klare Vision

symbolisches Verhalten

Ansprechen von Emotionen der Geführten

großes Selbstvertrauen

hohe Erwartungen an die Geführten

Diese charismatischen Aspekte sind offenbar teilweise angeboren. Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge haben vergleichbare Ergebnisse, wenn man ihre charismatischen Eigenschaften misst. Charismatische Führungspersönlichkeiten sind meist extrovertiert und haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein (vgl. z.B. House und Howell, 1992).

Praxistipps

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine breite Diskussion darüber, ob charismatische Führung und transformationale Führung dasselbe sind. Die beste Antwort ist vermutlich, dass transformationale Führung eher ein Ergebnis von Führung als deren Weg ist. Insofern kann man Transformation als ein Ergebnis charismatischer Führung bezeichnen. Anstelle der unmittelbaren Anreize wird bei der transformationalen Führung eine ideologische Komponente zur Motivation der Mitglieder in einer Organisation eingesetzt. Dieser Schritt der Transformation der Geführten gelingt charismatischen Führungspersonen wesentlich besser.

Wir kennen jetzt die äußeren Einflüsse auf die Motivation. Wie aber sieht es mit den Einflüssen von Innen aus, welche Bedeutung hat der einzelne Mensch und seine Eigenschaften für die Motivation? Dazu alles in den folgenden Kapiteln.