4. Forschungsansätze der Psychologie: Übersicht

Ist der zu untersuchende Forschungsgegenstand abgegrenzt, die Probanden und die Untersuchungsvariablen definiert, geht es daran den konkreten Forschungsansatz zu planen. Hierfür stehen mehrere grundlegende Forschungsansätze zur Auswahl. In der Psychologie kann man grundlegende Forschungsansätze anhand von mehreren Dimensionen abgrenzen: Die Anzahl der Messzeitpunkte, experimentelle Ausprägung, der Ort der Untersuchung und die Durchschaubarkeit der Versuchssituation für die Probanden. Der Beitrag gibt eine kurze Übersicht zu diesen einzelnen Dimensionen, die in ihrer Kombination einen Forschungsansatz kennzeichnen. …

Forschungsansätze der Psychologie: Mit der richtigen Kombination die entscheidenden Einblicke bekommen
Forschungsansätze der Psychologie: Mit der richtigen Kombination die entscheidenden Einblicke bekommen

 

Die Anzahl der Messzeitpunkte: Querschnittstudie oder Längsschnittstudie?

Je nach Fragestellung bauen viele Forschungsdesigns auf einmalige Messungen auf. Man nennt das Querschnittstudie. Für viele Fragestellungen reicht das. Möchte man beispielsweise wissen, wie unterschiedliche Werbeformen unmittelbar auf die Erinnerung der Probanden wirken, ist das ein praktikabler Ansatz. Möchte man aber wissen, wie sich die Erinnerung an Werbung in Abhängigkeit der Werbeformen über die Zeit hält, dann wird man mehrere Messzeitpunkte benötigen. Man nennt das Längsschnittstudie.

Experiment, Quasi-Experiment oder keine Manipulation von Variablen?

Am schönsten für die Aussagekraft ist, wenn Forscher aktiv die zu untersuchenden Variablen verändern können. Das bietet ein Experiment. In der Reinform, bei echten Experimenten, gibt es optimale Bedingungen für die Forschung.

  • Willkür. Forscher können aktiv und in beliebiger Ausprägung die unabhängige(n) Variable(n) verändern (manipulieren).
  • Beschreibbarkeit. Die Versuchssituation ist so kontrolliert frei von unerwünschten Einflüssen (Störvariablen) und so wenig komplex, das sie gut zu beschreiben ist.
  • Wiederholbarkeit. Was ist eine Erkenntnis wert, die nicht replizierbar ist? Wenig. Daher ist es wichtig bei wissenschaftlichen Experimenten, dass diese wiederholt werden können und dabei ggf. auch Details verändert werden können, um die Ergebnisse und deren Interpretation zu überprüfen.
  • Kontrolle. In einem echten Experiment besteht ein hohes maß an Kontrolle des Forschers über mögliche Störvariablen, er kann beispielsweise zufällig Personen bestimmten Versuchsbedingungen zuordnen, um die Aussagekraft zu stärken.

Ein echtes Experiment kann damit klare Aussagen über Ursache-Wirkungs-Beziehungen liefern.

Bei explorativer Forschung wird es meist weniger entscheidend sein, das die Bedingungen eines Experimentes erfüllt sind. Hier sammelt man ggf. einfach Daten durch Befragungen und Beobachtungen, ohne selbst etwas zu verändern und zu manipulieren. Man kann diese Daten auch statistisch auswerten, erhält dabei aber nur Aussagen über Zusammenhänge, nicht über Ursache-Wirkungs-Beziehungen.

Ein oft gewählter Mittelweg ist, dass der Forscher wartet, bis sich von alleine etwas ändert in der natürlichen Umwelt und dann die Auswirkungen beobachtet. Dabei sind natürlich viele der Bedingungen eines echten Experimentes nicht erfüllt. Entsprechend nennt sich dieser Ansatz Quasi-Experiment.

Damit eine Untersuchung in Richtung eines Experimentes geht, sind auch zwei andere Dimensionen bei grundlegenden Forschungsansätzen wichtig: Der Ort der Untersuchung (Feld oder Labor) und die (möglichst geringe) Durchschaubarkeit der Untersuchung für die Teilnehmer. Das zeigen die nächsten Abschnitte.

Der Ort der Untersuchung: Feldstudie oder Laborstudie?

Studien können im Feld, vor Ort am Arbeitsplatz der Mitarbeiter oder bei Information (Werbung), Kauf und Produktverwendung von Kunden stattfinden. Man nennt das Feldstudien. Ein Vorteil von Feldforschung ist, dass diese Studien unter sehr realistischen Bedingungen stattfinden, man daher für die Praxis idealerweise hohe Aussagekraft erreicht. Ein Nachteil der Feldforschung ist, dass hier häufig eine Vielzahl an Einflüssen wirken. Hat sich das Kaufverhalten der Kunden wegen unserer Werbung verändert oder wegen einer gleichzeitig stattfindenden Preiserhöhung der Wettbewerber – oder war es das Wetter oder die Fußballweltmeisterschaft? Das ist im Feld sehr schwer festzumachen, es wirken zu viele Störvariablen auf die zu untersuchenden Zusammenhänge. Die Lösung für diese Herausforderung suchen Forscher dann häufig in einer Laborstudie. Hier finden Untersuchungen in einer künstlichen Umgebung statt (eben einem Labor), das von Störvariablen möglichst klinisch rein gehalten wird. Da Laborstudien wieder nicht ohne weiteres in die Praxis (das Feld) übertragen werden können, empfiehlt sich oft eine Kombination von Feldstudie und Laborstudie. Wenn man das, was im Labor gefunden wurde, auch im Feld zeigen kann, und das, was im Feld gefunden wurde auch im Labor findet – wunderbar.

Durchschaubarkeit der Untersuchung: Offen, getarnt oder gar nicht bewusst?

Bei manchen Untersuchungen wissen die Teilnehmer, dass eine Untersuchung stattfindet und kennen auch die genauen Ziele. Das ist insbesondere in der Praxis der Fall, wenn Befragungen von Mitarbeitern oder Kunden stattfinden. Bei so einer offenen Untersuchungssituation ist Reaktivität zu beachten, idealerweise zu messen und bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen. Reaktivität bedeutet, dass die Versuchsteilnehmer sich anders als natürlich Verhalten, nur weil ein Versuch stattfindet.

Im anderen Extrem ist eine Versuchssituation gegeben, bei der die Teilnehmer überhaupt nicht wissen, dass ein Versuch stattfindet. Man nennt das vollbiotische Versuchssituation. Zwei Beispiele: Kunden gehen durch ein Geschäft und merken nicht, dass gezielt Frequenzen, Geschwindigkeit und Art der Musik geändert werden. Mitarbeiter arbeiten und ihnen ist nicht bewusst, dass Duftstoffe untersucht werden, in wie fern sie sich auf Arbeitsleistung und Kommunikationsverhalten (Konflikt) auswirken.

Das individuelle Forschungsdesign: Eine Kombination der grundlegenden Ansätze

Auch wenn manche Kombinationen nicht üblich sind, ist jedes Forschungsdesign eine Kombination aus den hier genannten grundlegenden Ansätzen. Das Forschungsdesign im Einzelfall wird immer eine Kombination der hier dargestellten Ansätze sein. Im folgenden ein konkretes Beispiel.

Forschungsbeispiel: Strahan, Spencer & Zanna, 2002

Es handelt sich bei diesem Forschungsdesign also um folgende Kombination der grundlegenden psychologischen Forschungsansätze:

  • Hypothesenprüfende Forschung (Annahme die geprüft wird: Bei Durst reagieren Menschen stärker auf subliminal präsentierte durstspezifische Reize),
  • Querschnittstudie (nur ein Messzeitpunkt; man schaut jetzt nicht, mit vielen Messwiederholungen, ob sich das Muster bei den Personen über die Zeit ändert, Probanden beispielsweise irgendwann nicht mehr auf die durstspezifischen Reize reagieren),
  • echtes Experiment (Personen können zufällig den Bedingungen zugeordnet werden, Forscher manipulieren Durst und Reize nach belieben, Versuch ist problemlos wiederholbar, Störvariablen sind kontrolliert),
  • Laborstudie (kontrollierte Bedingungen in einer sehr künstlichen Situation, die sogar das Trinken vorher kontrolliert)
  • Getarnte Versuchssituation (Probanden wissen, dass sie an einem Versuch teilnehmen, kennen aber nicht das Forschungsziel und die unterschwellige Einblendung von Reizen).

Die folgende Abbildung zeigt nochmal die Möglichkeiten der Kombination aus den Forschungsansätzen im individuellen Forschungsdesign am Beispiel von Messzeitpunkten und der Ausprägung des experimentellen Ansatzes.

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Abbildung: Grundlegende Forschungsansätze

So wäre es durchaus möglich, die oben im Beispiel angeführte experimentelle Querschnittstudie auch als Längsschnittstudie zu designen. Dafür gab es aber keinen Anlass, da nicht zu erwarten ist, dass die Probanden ihre Reaktionen bei mehrmaliger Wiederholung ändern. Zudem besteht bei einem Längsschnittdesign das Risiko, dass Probanden neugierig sind und recherchieren, was das Untersuchungsziel gewesen sein könnte und (richtiges oder falsches) Wissen über den Versuch bekommen. Das eröffnet Risiken für Störvariablen, die Ergebnisse verzerren.

Die nachfolgenden Kapitel stellen diese Dimensionen grundlegender Forschungsansätze dar. Los geht es mit einem Beitrag zu Querschnittstudien und Längsschnittstudien als Forschungsansätze.