8. Response-Bias: Verzerrung von Ergebnissen durch Teilnehmer

Falsche und fehlerhafte Angaben in Befragungen und Umfragen sowie verändertes Verhalten bei Beobachtungen sind gängige Herausforderungen bei Forschungsprojekten der Psychologie. Ergebnisse in Studien sind daher oft verzerrt und gefährdet durch die Versuchspersonen – ein Effekt, den man als Response-Bias bezeichnet. Ähnliche Begriffe, aber enger definiert, sind Antworttendenz, Antwortverzerrung oder Antwortfehler. Der Beitrag gibt eine Definition und zeigt die wichtigsten Beispiele für Verzerrung von Ergebnissen durch die Teilnehmer. Ein Abschnitt geht auf Non-Response ein – die totale Verweigerung von Antworten. Anschließend folgen Tipps, wie man den Response-Bias reduziert. …

Response-Bias: Teilnehmer geben fehlerhafte Antworten bei Befragung und verändern ihr Verhalten bei Beobachtungen
Response-Bias: Teilnehmer geben fehlerhafte Antworten bei Befragung und verändern ihr Verhalten bei Beobachtungen

Response-Bias: Beispiele und Übersicht

Was sind die wesentlichen Gründe und Arten von Fehlern, die von den Teilnehmern in Befragungen oder Beobachtungen ausgehen? Folgende Definition bietet sich an:

Response-Bias ist jede Bedrohung der Validität von Ergebnissen, die von den Teilnehmern an Befragungen oder Beobachtungen ausgeht.

Response-Bias entsteht vor allem durch:

Bewusste Falschangaben
So können Befragte die Forschungsergebnisse manipulieren, indem sie Falschangaben machen. Dabei muss man nicht immer Böswilligkeit unterstellen. Gerade bei heiklen oder unangenehmen Fragen antworten Personen oft unehrlich, weil es ihnen peinlich wäre oder weil die wahrheitsgemäße Antwort nicht der Norm oder herrschenden Moral entspräche. Dieses Phänomen der sozialen Erwünschtheit tritt besonders stark bei persönlichen, weniger bei schriftlichen Befragungen auf.

Unvermögen
Unbeabsichtigte Verzerrungen können durch die Befragten entstehen, etwa durch menschliche Unzulänglichkeiten, insbesondere im kognitiven Bereich. Mangelndes oder mäßiges Verständnis-, Erinnerungs-, Urteils-, Konzentrations-, Verbalisierungs- oder Vorstellungsvermögen können Gründe hierfür sein. So kann es vorkommen, dass Befragte etwa die Frage missverstehen und so etwas anderes darauf antworten. Oder sie wissen die Antwort tatsächlich nicht und raten einfach.

Selbstdarstellung
Der menschliche Drang zur Selbstachtung und Selbstdarstellung kann außerdem zu Übertreiben bzw. Untertreiben, Verdrängen, Ausweichen, Lügen und zu Anpassen der Aussagen führen. Das ist insbesondere der Fall in persönlichen Interviews. Bei anonymen schriftlichen Fragebögen ist dieses Problem geringer. Typishc sind solche Effekte auch bei Beobachtungsstudien: Mitarbeiter, die wissen, dass eine Studie stattfindet arbeiten gemeinhin konzentrierter, ordentlicher und motivierter. Schreibtische sind dann aufgeräumter, soziale Interaktion ist wertschätzender.

Taktik
Auch kann der Befragte etwa eine bestimmte Beantwortungs-Taktik verfolgen. So hat er vielleicht aus vorausgegangenen Fragen gelernt, oder er bemüht sich um Widerspruchsfreiheit mit vorausgegangenen Antworten. Die Wahl der „erstbesten“ Antwortvorgabe oder von Skalierungswerten, die im Mittelfeld liegen sowie der Abbruch der Beantwortung, wenn die gegebenen Antworten als ausreichend empfunden werden, gehören ebenfalls zu solchen Taktiken (vgl. Berekoven, 2006, S. 99). So gibt es beispielsweise Hinweise, dass Personen in kollektivistischen Kulturen (etwa China) lieber in der Mitte von Skalen ankreuzen, als Menschen in individualistischen Kulturen (etwa USA).

Aversionen
Auch generelle Aversionen gegenüber Interviewer, telefonischen Auskünften, schriftlichem Ausfüllen seitens des Befragten können sich negativ auf die Befragungssituation und die Antwortqualität auswirken. Gleiches gilt für Beobachtungsmethoden. Ist eine Beobachtung den Teilnehmern bewusst und wird von diesen abgelehnt, dann verändert sich deren Verhalten – etwa indem sie die Situation vermeiden und den Aufenthalt verkürzen.

Einflüsse der Situation
Es kann auch passieren, dass durch die Situation abgelenkt wird, oder evtl. die Länge der Befragung oder Beobachtung ermüdet und die Aufmerksamkeit belastet. Viele Befragungen von Mitarbeitern und Kunden sind einfach unvernünftig lang, ermüden die Teilnehmer und führen zu unsauberem Antwortverhalten. Mehr ist hier dann leider weniger.

Eine der stärksten Bedrohungen für die Validität von Ergebnissen ist der Non-Response. Warum das so ist – dazu der nächste Abschnitt.

Non-Response als Fehlerquelle und Bedrohung für Validität von Studien

Unter Non-Response versteht man meist die Nicht-Teilnahme an Befragungen. Das Englische Wort Response ist aber breiter definiert als nur Antworten daher kann man den Begriff auch auf Beobachtungsmethoden ausdehnen. Folgende Definition ist hilfreich:

Non-Response bedeutet, dass für Befragungen oder Beobachtungen ausgewählte Personen an diesen nicht (vollständig) teilnehmen bzw. sich diesen entziehen.

Die Gründe dafür könne  vielfältig sein. Einladungen wurden übersehen, zu hoher Zeit- und Termindruck, fehlender Glaube etwas Bewirken zu können bis hin zu Misstrauen.

Warum ist Non-Response fast immer ein wichtiger Response-Bias? Man könnte doch sagen – lieber nicht teilnehmen, als falsche Angaben oder verzerrtes Verhalten liefern?

Ausfälle bei einer Stichprobe können zu systematischen Abweichungen zwischen Teilnehmern und Non-Respondern führen. In der Folge weicht eine Schätzung der Mittelwerte auf Basis der tatsächlich Befragten oder Beobachteten Personen vom tatsächlich realen Mittelwert ab. Dieses Phänomen bezeichnet man als Non-Response-Bias – und genau dieser Bias ist das Problem für die Validität. Er ist umso größer, je höher der Anteil der Nichtantworter ist und je deutlicher sich Antworter und Nichtantworter in ihren Antworten und ihrem Verhalten unterscheiden. Und derartige Unterschiede sind die Regel. Ein typisches Beispiel: Mitarbeiter, die sich kritisch bei Mitarbeiterbefragungen äußern, lassen häufig Angaben zu ihrer Demographie weg. Das ist ein Non-Response auf Ebene einzelner Fragen.  Ebenso gibt es eine Tendenz, dass Mitarbeiter die besonders zufrieden oder unzufrieden sind und die einen geringen Workload haben, eher an Mitarbeiterbefragungen teilnehmen als andere Mitarbeiter.Das führt zu systematischen Abweichungen der Teilnehmer von der eingeladenen Stichprobe. Die Ergebnisse sind dadurch verzerrt und fehlerhaft, Schlüsse auf die Grundgesamtheit schwer.

Es gibt Maßnahmen solche Abweichungen aufzudecken und beispielsweise durch Gewichtungen zu korrigieren. Wirklich korrigieren wird man Fehler durch Non-Response aber nie. Non-Response gefährdet daher die Repräsentativität von Untersuchungen und damit die Validität der Ergebnisse überhaupt. Daher sollte man alles dafür tun, einen möglichst hohen und unverzerrten Rücklauf und maximale Teilnahmebereitschaft zu erhalten.

Es gibt also zahlreiche Bedrohungen für die Validität von Daten, die von den Versuchspersonen ausgehen. Die folgenden Tipps helfen diese Bedrohungen zu minimieren.

Response-Bias reduzieren: Tipps

Was kann man tun gegen die typischen Fehlerquellen bei Versuchsteilnehmern? Dazu gibt der folgende Schaukasten die wichtigsten Tipps.

Praxistipps

Das nächste Kapitel stellt die Nebengütekriterien im Überblick dar.