11. Integrationsbewegung innerhalb der Wirtschaftspsychologie

Die Spezialisierung der Wirtschaftspsychologie in Teildisziplinen war lange Zeit sinnvoll, da ganz unterschiedliche Nachfrager sich aus der Praxis an die Disziplin wenden. Spezialisierung hat aber auch ihren Preis. Ein Gesamtmodell der Wirtschaftspsychologie fehlt als übergreifendes Dach. Lehrbücher zur gesamten Wirtschaftspsychologie mit einer integrierten Betrachtung sind sehr selten und die meist lose Sammlung von Inhalten ohne übergreifende Struktur oder die Bezeichnung eines kleinen Teils (etwa nur der Marktpsychologie) als Wirtschaftspsychologie sind symptomatisch.

Ein konkretes Modell der Inhalte könnte mehr Klarheit schaffen und wäre daher als Ergänzung sinnvoll, um z.B. Forschungslücken aufzuzeigen.


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Abbildung: Integrationsbedarf in der Wirtschaftspsychologie

Dazu kommt, dass die Trennung in Teildisziplinen wie Marktpsychologie und Organisationspsychologie auch aus der Perspektive der Praxis aus mehreren Gründen zunehmend künstlich erscheint. Zahlreiche Entwicklungen und Trends fördern den Integrationsbedarf innerhalb der Wirtschaftspsychologie:

  • Grenzen zwischen Organisation und Umfeld werden mit organischen Strukturen, Outsourcing sowie der zunehmenden Vernetzungen zwischen Zulieferern, Organisation und Vertriebswegen immer undeutlicher. Viele Personen können nicht mehr deutlich als extern oder intern klassifiziert werden. Auch der Trend zur Zeitarbeit fördert diese Dynamik.

  • Durch steigenden internationalen Wettbewerb orientieren sich Unternehmen immer stärker am Kunden: marktorientierte Perspektiven durchziehen die gesamten Unternehmensprozesse, marktorientierte Unternehmensführung wird zum Schlagwort.

  • Im stark wachsenden Dienstleistungssektor, der bereits nahezu 70% der Arbeitsplätze in Deutschland stellt, verschmelzen interne und externe Aspekte. Die Leistung am (externen) Kunden wird direkt durch (interne) Mitarbeiter erbracht.

  • Eine zunehmende Dynamisierung des Umfeldes verlangt eine integrierte Betrachtung von Organisation und Markt, um schnell und flexibel reagieren zu können.

  • Immer kürzere Produktentwicklungszeiten verlangen die ganzheitliche Betrachtung von Kundenwünschen, Forschung und Entwicklung sowie der gesamten Wertschöpfungskette.

  • Mitarbeiter und interne Abteilungen werden zunehmend unter einer Marktperspektive als Kunden oder Wettbewerber betrachtet.

Erst eine integrierte Betrachtung interner und externer Aspekte von Organisationen ermöglicht meist eine vernünftige Anwendung in der Praxis. Interne strategische Entscheidungen – etwa die Personalentwicklung – müssen sich beispielsweise an den Veränderungen und Anforderungen des Umfeldes (z.B. des Marktes) orientieren, um ein Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Auch auf der Ausbildungsseite an Universitäten und Hochschulen besteht Integrationsbedarf: Arbeitsgruppen werden zunehmend als interdisziplinäre Teams um zentrale Prozesse gebildet.
Anstatt eindimensionaler Spezialisten herrscht dabei immer mehr Bedarf an flexiblen Generalisten im Wirtschaftsbereich.

Es macht also Sinn, Wirtschaftspsychologie als Gesamtmodell zu betrachten, in dem sich die Inhalte und Teilströmungen möglichst konkret darstellen, zuordnen und abgrenzen lassen. Das böte die Chance Organisationspsychologie, Marktpsychologie und die anderen Disziplinen der Wirtschaftspsychologie in ihrem Zusammenhang zu erfassen sowie neue Forschungs- und Anwendungsfelder darstellen zu können.

Um dieser Integrationsbewegung in der Praxis gerecht zu werden, besteht bedarf an einer integrierten wirtschaftspsychologischen Perspektive.
Das nächste Kapitel stellt ein übergreifendes Modell der Wirtschaftspsychologie dar.