9. Wirtschaftspsychologie im Spannungsfeld zur Praxis

Nicht zuletzt ist die Praxis der Kunde einer angewandten Wissenschaft. Wie überall, gilt es intensiven Kontakt mit seinen Kunden zu pflegen, deren Bedürfnisse zu kennen und vorherzusagen, um ihnen entsprechende Angebote machen zu können. Dieser Aufgabe wird die Wirtschaftspsychologie oft nicht ausreichend gerecht.


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Abbildung: Transfer als Herausforderung

Die erste Ursache für eine mangelnde übergreifende Perspektive zeichnet sich schon bei der Betrachtung des Kontakts mit den Kunden in der Praxis ab. Einige Lehrstühle, die der Wirtschaftspsychologie zuzuordnen sind, werden von Personen ohne entsprechende praktische Erfahrung und ohne ausreichend Kontakt zur Praxis geführt, die einen stark grundlagenwissenschaftlichen Hintergrund haben. Dass die hier entwickelten Antworten nicht unbedingt zu den Fragestellungen in der Praxis passen oder verspätet kommen, liegt auf der Hand. Zudem fällt es so natürlich schwer, neue Angebote in der Anwendung zu platzieren und zu kommunizieren.

Dazu kommt, dass die Wirtschaftspsychologie ihr Potenzial nur in Teilen der Anwendungsfelder zum Ausdruck bringt. Obgleich Wissenschaftler wie Hugo Münsterberg oder Walter Dill Scott sehr umfassende Konzepte vorlegten, die zukünftige, mitunter erst heute Beachtung findende Entwicklungen und Fragestellungen vorweg nahmen (vgl. z.B. Scott, 1911; Münsterberg, 1912), ist eine entsprechende Platzierung als Angebot in der Praxis oftmals lange nicht gelungen. Ein breites Spektrum an wirtschaftspsychologischem Potenzial wird so in der Anwendung nicht realisiert. Eine Problematik in diesem Kontext: Die wissenschaftlichen Publikationen aus englischsprachigen Journals werden in der Praxis nicht gelesen, sind nicht verständlich gestaltet.
Die mangelnde Bekanntheit wirtschaftspsychologischer Angebote liegt anscheinend auch an der nicht nur, wie bereits angeführt, verbesserungsfähigen, sondern darüber hinaus auch recht einseitigen Beziehung zur Praxis. Offenbar schwanken die in den Unternehmen vorherrschenden Sichtweisen die Aufmerksamkeit und Spezialisierung der Wissenschaft stark. So spiegelt sich die Orientierung an der Produktion in den Unternehmen im Taylorismus und der Blütezeit der Arbeitspsychologie wider. Beispielsweise mündet die Unterteilung der Funktionen in Unternehmen – etwa Produktion und Vertrieb – dann in der Spezialisierung der Wirtschaftspsychologie in Arbeitspsychologie und Marktpsychologie. Unterschiedliche Berufszweige mit unterschiedlichen Bedürfnissen wandten sich an die Wirtschaftspsychologie und übergreifende Fragestellungen gerieten damit in den Hintergrund.

Die Nachfrage aus der Praxis zeigt sich hier als Motor und Antrieb aber auch als Lenker und Steuermann der wirtschaftspsychologischen Forschung. Augenscheinlich hat dieWirtschaftspsychologie ihre durchaus vorhandenen Ideen nicht ausreichend als innovative Angebote in die Anwendung vermittelt, sondern häufig nur die von dort direkt gestellten Fragen beantwortet. Lösungen für zugrunde liegende Bedürfnisse oder unbewusste Chancen werden so nicht in die Praxis eingebracht.

 

Wegen der dynamischen Veränderungen im Umfeld und innerhalb der Unternehmen sowie der zunehmenden Orientierung an übergreifenden Prozessen statt an isolierten Funktionen ist in Zukunft jedoch von einem eher integrierenden Einfluss der Praxis auf die Wirtschaftspsychologie auszugehen: Unternehmen und damit auch dort angewandte Wissenschaften können es sich nicht länger leisten, interne und externe Aspekte künstlich voneinander zu trennen. Doch ist wohl noch eine Weile auf diesen Effekt in der Wirtschaftspsychologie zu warten, denn die Anforderungen aus der Praxis kommen erst mit einer gewissen Verspätung in der Wissenschaft an.

 

Zusammenfassend ist die Beziehung der Wirtschaftspsychologie zur Anwendung verbesserungsfähig: Es herrscht zu wenig Kontakt mit der Anwendung und den dortigen Bedürfnissen, die Beziehung ist zu passiv, wenig kundenorientiert und die Angebote werden mitunter zu spät erstellt.

Hier sollen jedoch nicht nur Defizite angesprochen werden, sondern vor allem sich daraus ergebende Chancen aufgezeigt werden. Die Praxis sollte innerhalb der Wirtschaftspsychologie als Kunde mit Bedürfnissen betrachtet werden. Es darf keine Scheu geben, in neue Anwendungsmärkte wie Investorenbeziehungen oder das Management von Kundenbeziehungen zu gehen.

 

Ein intensiverer Austausch mit den Unternehmen und Aufmerksamkeit für Entwicklungen und Trends in den Unternehmen und ihrer Umwelt sind unerlässlich, um wichtige Fragestellungen vorherzusehen und rechtzeitig Lösungen anbieten zu können. Geht der Kontakt mit der Anwendung verloren, verliert auch die Wirtschaftspsychologie ihre Rechtfertigung und Grundlage als angewandte Psychologie.

Natürlich sind ‚Paradigmen’ auch in der Praxis nie der Weisheit letzter Schluss. Daher ist zu fordern, dass die Wirtschaftspsychologie selbstbewusst und aktiv Impulse für Fragestellungen gibt und ihre Angebote proaktiv auf dem Markt platziert.
Eine Chance für die Wirtschaftspsychologie ist es also, nicht nur die vordergründigen Fragestellungen aus der Praxis aufzugreifen und zu bearbeiten, sondern die Probleme im Hintergrund zu erkennen und aktiv Lösungen in die Praxis zu bringen, anstatt zu warten, bis die Fragen von außen kommen.

 

Eine der großen Herausforderungen für die Wirtschaftspsychologie ist es dabei, Impulse aus der Praxis schneller aufzugreifen. Der Zeitaspekt wird insbesondere wegen der zunehmend dynamischen Entwicklung der Unternehmen und ihrer Umwelt immer relevanter. Im Zweifelsfall kann es sonst passieren, dass die von der Wissenschaft entwickelte Antwort erst vorhanden ist, wenn die Fragestellung bereits veraltet ist.

 

Dafür ist es nicht nur wichtig, sich an der Praxis und den Fragestellungen aus den Unternehmen zu orientieren. Auch ein verstärkter Austausch mit anderen Wissenschaften wie der Betriebswirtschaftslehre erlaubt die Vorhersage und das rechtzeitige Aufgreifen von wichtigen Fragestellungen.

 

Die Beziehung der Wirtschaftspsychologie zur Praxis berührt auch stark die Frage nach der Beziehung von Theorie und Praxis.
Das nächste Kapitel diskutiert diesen Aspekt.