3. Rationalität als Theorie: Der Homo oeconomicus der Volkswirtschaftslehre

Für das Verhalten von Menschen im wirtschaftlichen Kontext interessiert sich insbesondere die Volkswirtschaftslehre. Dabei unterstellt die Volkswirtschaftslehre bei ihren Theorien meist das Rationalprinzip als Verhaltensmaxime und eine Nutzenmaximierung im monetären Sinne als Ziel. Emotionen wie Spaß sind also beipielsweise nicht als Nutzen vorgesehen.

Die Annahmen der Volkswirtschaftslehre eines ‘Homo oeconomicus’ (vgl. Bongard, 1965) hat folgende Merkmale:

  • völlig zweckrationales Handeln,
  • vollkommene Markttransparenz und Voraussicht,
  • Gewinn bzw. Nutzenmaximierung im monetären Sinne und
  • sofortige Reaktion auf Datenänderungen.

homo_oeconomicus.png

Abbildung: Homo oeconomicus

Das Modell ist in sich sich schlüssig und es lassen sich logisch Ableitungen für spezifische Bereiche des Wirtschaftslebens machen. Bekannt ist etwa das Modell zum Marktgleichgewicht mit seinen rationalen Zusammenhängen zwischen Angebot, Preis und Nachfrage.

Weit über die Grenzen der Ökonomie hinaus hat sich das Modell eines rationalen Entscheiders sehr erfolgreich verbreitet. Der Homo oeconomicus erfreut sich größter Beliebtheit bei Entscheidern in weiten Schichten der Gesellschaft, wo er im besten Sinne als laienpsychologische Theorie Verwendung findet.
Gründe für die Verbreitung der Annahme eines rationalen Entscheiders sind:

  • Das Modell ist in sich einfach und logisch und ermöglicht es rational Entscheidungen zu begründen.
  • Entscheidungen, die nicht rational getroffen werden, haben einen geringen Bewusstseinsanteil und werden daher nicht erinnert.
    Rationale Entscheidungen greifen dagegen auf das Bewusstsein zu, bleiben stärker im Gedächtnis.
    Entsprechend entsteht bei Menschen die Illusion, sie würden vor allem rational entscheiden.
  • Aus dem Modell lassen sich bequem und sofort logische Maßnahmen ableiten, ohne sich mit tatsächlichen Ursachen auseinandersetzen zu müssen.
    “Akademikerinnen bekommen zu wenige Kinder? Gut, wir zahlen Elterngeld, dann erhöht sich der monetäre Nutzen von Kindern und es wird mehr Geburten geben! – Nächstes Thema bitte.”
  • Das Bild eines vorwiegend aus Gewohnheit und Impuls handelnden Menschen ist wenig schmeichelhaft und findet ideologischen Widerspruch in westlichen demokratischen politischen Vorstellungen aber auch in der technisch-rationalen Logik von Wirtschaftsunternehmen.
  • Auch die weite Verbreitung und Akzeptanz wird zum Selbstläufer. Widerspruch bei Entscheidungen wird unwahrscheinlicher, Zustimmung wahrscheinlich, wenn sie sich am Menschenbild eines rationalen Entscheiders orientieren.

Die Konsequenzen der weit verbreiteten laienpsychologischen Theorie, der Mensch sei ein rationaler Nutzenmaximierer, sind unübersehbar.
Zahlreiche Entscheidungen in Politik und Wirtschaft haben ganz offensichtlich ein rationales Menschenbild als Grundlage.
Ein Beispiel: Das politische Ziel, dass Menschen weniger rauchen, wurde – etwas vereinfacht ausgedrückt – in die Maßnahme übersetzt, Verbraucher auf den Packungen von Zigaretten zu informieren “Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.” Um logisch zu so einer Maßnahme zu kommen, sind zwei Überzeugungen erforderlich. Erstens: Menschen rauchen, weil es ihnen an Information fehlt. Wenn sie wüssten, dass Rauchen schadet, würden sie nicht rauchen. Zweitens: Rauchen ist eine bewusste Entscheidung, bei der Vorteile und Nachteile abgewogen werden und dann auf dieser Basis die Entscheidung zu rauchen getroffen wird. Beide Überzeugungen sind weltfremd. Raucher wissen ganz überwiegend, dass es ihnen schadet und rauchen trotzdem. Zudem ist Rauchen keine ausgiebige bewusste Entscheidung, sondern eher im Bereich von Gewohnheit und Impulsverhalten angesiedelt. Realistischer ist hier die Tabakindustrie, die nie auf die Idee käme ihre Produkte mit rationalen Sachargumenten zu verkaufen. Etwa nach dem Motto: “Die zehn Gründe, warum Sie Marlboro rauchen sollten!”
Andere politische Maßnhamen wie das Elterngeld oder Bereiche des Steuersystems entspringen ähnlichen Geisteshaltungen und Vorstellungen. Entsprechend dürftig sind meist die Ergebnisse der Maßnahmen.
Auch in der Wirtschaft orientieren sich Entscheider häufig an einem rationalen Menschenbild. Die stark vereinfachten Aussagen “Wir verlieren Marktanteil? Dann müssen wir den Preis senken!” oder “Die Mitarbeiter könnten engagierter arbeiten. Wir setzen Boni ein und drohen den Leistungsschwachen mit Sanktionen!” liegen so ähnlich nicht selten Überlegungen in Unternehmen zu grunde. Auch hier sind die Ergebnisse oftmals nicht die erhofften.

Interessanterweise führt das häufige Ausbleiben des Erfolges von Maßnahmen, die auf Bais eines rationalen Menschnbildes getroffen wurden, nicht zu einem Verwerfen dieser laienpsychologischen Theorie bei den Betroffenen. Das bereits geschilderte übertriebene Festhalten an auch noch so unzutreffenden Laienpsychologischen Ttheorien kann hier gut beobachtet werden.

 

Die Annahmen des Homo oeconomicus haben sich trotz ihrer Beliebtheit in der Praxis als verbreitete laienpsychologische Theorie und Grundlage für Entscheidungen empirisch nicht bestätigen lassen. Mehr dazu im nächsten Kapitel.
Preis-Nachfrage Funktionen sind nur eines von vielen Beispielen, in dem sich ganz andere Effekte zeigen, als von klassischen ökonomischen Theorien vorhergesagt. In der Praxis finden sich zahlreiche Situationen, in denen Kunden eher bereit sind etwas zu kaufen, wenn der Preis höher ist.

Ein Anwendungsbeispiel, wie versucht wird, diesen Effekt zu nutzen, ist die folgende Werbung für Chandon:

chandon_ad.jpg

Abbildung: Werbebeispiel Chandon

Unter anderem zeigt sich eine wenig rational geprägte Entscheidungsfindung auch beim Kauf von Prestigegütern und Luxusmarken, wie etwa dem Fahrzeug aus folgendem Werbebeispiel.

 Hummer_ad.jpg

Abbildung: Werbebeispiel Hummer

Der Slogan “Need is a very subjective word.” unterstreicht: Für eine Entscheidung zu Gunsten von diesem Geländewagen gibt es wenige wirklich rationale Gründe.

Ganz allgemein tut sich die klassische Ökonomie schwer damit, Spekulationsblasen, Panikreaktionen oder Abweichungen von klassischen Preis-Nachfrage Funktionen zu erklären. Aber auch bei ganz alltäglichen Aspekten des Wirtschaftslebens wie Spendenverhalten, der reinen Existenz von Märkten wie alkoholischen Getränken, Glücksspiel, Computerspielen oder Tabakwaren tut sich ein rationales Bild des ökonomichen Entscheiders schwer. Sicher würde der Homo oeconomicus niemals anonym spenden, ehreamtlich arbeiten, ohne Betrugsabsicht an Glücksspiel teilnehmen, Coca-Cola kaufen, einen BMW fahren, Compuerspielen, Fersehen (zumindest nicht die Sendungen mit hoher Einschaltquote) usw. Der ganze Konsumbereich sähe vollkommen anders aus.

Auch auf dem Arbeitsmarkt sind mit einem Homo oeconomicus ehrenamtliche Arbeit ohne Lohn oder die Auswahl von Tätigkeiten nach sozialem Umfeld und Sinnerleben in der Arbeit nicht erklärbar. Arbeit aus Freude ist kein Kriterium für einen ökonomischen Nutzenmaximierer. Darüber hinaus müssten bei Gültigkeit des Modells auf dem Arbeitsmarkt wesentlich mehr Personen der Prostitution nachgehen, ist hier doch der ökomomische Nutzen je investierter Zeiteinheit im Vergleich sehr groß.

Soll Erleben und Verhalten im wirtschaftlichen Kontext zuverlässig beschrieben, erklärt, vorhergesagt und beeinflusst werden, dann ist es notwendig, sich endgültig von der Annahme des Homo oeconomicus zu verabschieden und sich den Forschungsergebnissen der Psychologie zu öffnen. Wirtschaftspsychologie kann hier einen sehr wertvollen Beitrag leisten. Davon haldelt das nächste Kapitel.