12. Nachbarwissenschaften der Wirtschaftspsychologie

Menschliches Verhalten in der Wirtschaft versucht nicht nur die Psychologie zu erklären.
Neben der psychologischen bestehen selbstverständlich zahlreiche weitere Perspektiven auf das Wirtschaftsleben. Wirtschaftspsychologie steht als angewandte Wissenschaft in engem Austausch mit anderen angewandten Wissenschaften. Man kann hier von Nachbarwissenschaften sprechen (vgl. v. Rosenstiel, 2007).

So kann Wirtschaft natürlich auch aus rechtlicher, ökologischer betriebswirtschaftlicher und anderen Perspektiven betrachtet werden.

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Abbildung: Perspektiven auf Wirtschaft

 

Hier sollen beispielhaft wichtige Nachbarwissenschaften dargestellt werden.

    • Die Kommunikationswissenschaften übernehmen psychologische Theorien der Informationsverarbeitung und Informationssuche, sowie der Einstellungsänderung, um Natur und Wirkung von Kommunikation erklären und beschreiben zu können. Beispiele sind Modelle der Eigenschaften von Sendern der Kommunikation (wie z.B. Expertise, Motivation und Attraktivität) die die Effektivität von Kommunikation beeinflussen (vgl. Becker, v. Rosenstiel & Spörrle, 2007).
    • Innerhalb der Betriebswirtschaftslehre sind die Felder Personal, Organisation und Marketing zunehmend psychologisiert. So sind die aktuellen großen Themen im Marketing wie Markenführung, Kundenzufriedenheit, Kundenbindung oder Kundenbeziehungen genuin psychologisch und werden im Marketing auf Basis psychologischer Theorien aufgebaut.
    • Ingenieurswissenschaften sind in starkem Austausch mit der Wirtschaftspsychologie. Erleben und Verhalten von Menschen zu verstehen ist wichtig, wenn Maschinen effektiv bedient werden sollen, Kunden sich in Gebäuden, wie Einkaufszentren, orientieren und wie geplant bewegen sollen oder Menschen technische Produkte, Software und Homepages verwenden sollen.
    • Seitdem immer offensichtlicher wird, dass mit einem rationalen Menschenbild ökonomische Prozesse nicht realistisch abbildbar sind, hat sich die Ökonomie stark für psychologische Inhalte geöffnet. So erhielt vielleicht als bekanntester Vertreter der Psychologe Daniel Kahneman den Nobelpreis für Ökonomie 2002 für seine Forschungen zum Entscheidungsverhalten.
    • Auch mit der Soziologie besteht ein enger Austausch. Phänomene wie Organisationen, Arbeitsgruppen oder Peer-Gruppen von Konsumenten sind letztendlich soziale Gebilde. Darüber hinaus ist die Sozialisierung von Mitarbeitern und Konsumenten von zentraler Bedeutung, um Erleben und Verhalten von Menschen im wirtschaftlichem Kontext erklären zu können.
    • Mit zunehmender Globalisierung sind Kulturwissenschaften von entscheidender Bedeutung, um Unterschiede zwischen verschiedenen Ethiken beim Verhalten als Mitarbeiter in Organisationen oder als Konsumenten verstehen zu können. Oftmals besteht die Herausforderung, Mitarbeiter mit ganz verschiedenem kulturellen Hintergrund in ein leistungsfähiges Team zu integrieren. Im marktpsychologischen Bereich ist die Herausforderung Erleben und Verhalten von Konsumenten in verschiedenen kulturellen Kontexten zu erklären.
    • Erleben und Verhalten hat eine neurologische Grundlage. Zur Erklärung und dem besseren Verständnis der Prozesse aber auch zur Überprüfung von psychologischen Theorien im wirtschaftlichen Kontext wird daher zunehmend die Biologie herangezogen.
      Auch zunehmend in Form der evolutionären Theorien nimmt die Biologie spürbar deutlichen Einfluss auf die Psychologie. So hat sich hier die Evolutionäre Psychologie entwickelt, die Verhalten auf Grund von angeborenen, durch Selektion herausgebildete, Mechanismen, erklären kann. Ein bekannter Vertreter und auch Gründer der evolutionären Verhaltensforschung bei Menschen ist sicher der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der 1973 für seine Studien zur Organisation und Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern den Nobelpreis für Biologie erhielt.

 

Nicht zuletzt durch diese Nachbarwissenschaften ist die Entwicklungsgeschichte der Wirtschaftspsychologie geprägt.
Das nächste Kapitel skizziert prägnant die Geschichte der Wirtschaftspsychologie.