1. Anwendungshintergrund der Wirtschaftspsychologie

Entscheider und Führungskräfte in Unternehmen und anderen Organisationen sind zunehmend mit der Bedeutung des Erlebens und Verhaltens von Menschen konfrontiert.

Vieles in der Wirtschaft hört sich erst einmal hart, objektiv und eher technisch an. Menschen sind es gewohnt, von Begriffen zu sprechen wie Arbeitsleistung und Produktivität, Absatzzahlen, Aktienkurse oder auch gesamt-ökonomische Aspekte wie das Bruttoinlandsprodukt oder Unternehmensgründungen. Bei genauerem Hinsehen wird man aber feststellen, dass all diese Aspekte des Wirtschaftslebens das Ergebnis der Entscheidungen von Menschen sind.

Diese oft noch ungewohnte Perspektive lässt sich mit ein paar Bildern veranschaulichen:

  • Der individuelle Mitarbeiter, der sich weiterbildet und motiviert arbeitet – oder eben auch nicht und damit die Produktivität beeinflusst.
  • Oder das Bild eines Konsumenten, der ein Angebot kauft und ein anderes nicht und damit den Absatzzahlen zu Grunde liegt.
  • Ein Investor, der bereit ist, für eine Akte einen bestimmten Preis zu zahlen und so mit den anderen Investoren den Aktienkurs bestimmt.
  • Das Bild eines jungen Unternehmers, der sich entscheidet ein Startup zu gründen, Kunden gewinnt und damit das Bruttoinlandsprodukt erhöht.

Als Fazit lässt sich festhalten: Wirtschaft ist ein soziales Phänomen. Alle wirtschaftlichen Strukturen – wie Unternehmen, Handelsnetze, Kundengruppen oder Marktsegmente – und sämtliche Prozesse in der Wirtschaft – wie z.B. Konsum, Investition oder Arbeit – sind somit letztendlich das Ergebnis des Verhaltens einzelner Individuen oder hängen stark davon ab.

Will man wirtschaftlichen Gegebenheiten effektiv erklären, vorhersagen oder beeinflussen, dann führt kein Weg am Verständnis des Erlebens, Verhaltens und Handelns von Menschen im Wirtschaftsleben vorbei.
Eben dieses ist das Handlungsfeld der Wirtschaftspsychologie.

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Abbildung: Wirtschaftspsychologie

 

Psychologie generell ist die empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen. Als Teilbereich der Psychologie ist Wirtschaftspsychologie definiert als die empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen im wirtschaftlichen Kontext.

 

Der Bedarf an Wirtschaftspsychologie nimmt zu. Rein technische Fachkenntnisse und Kompetenzen sind zwar wichtig aber heute oft nicht mehr ausreichend für den Erfolg von Unternehmen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, orientieren sich viele Unternehmen neu. So trifft man zunehmend auch direkt unter der Vorstandsebene funktionsübergreifende Strukturen, die sich ausschließlich mit dem Erleben und Verhalten der Kunden oder Mitarbeiter beschäftigen. Auch bei internen Herausforderungen wie Change-Prozessen und Fusionen wird verstärkt die psychologische Komponente als erfolgskritisch, ja sogar als ausschlaggebend, betrachtet. Im zunehmendem Wettbewerb um die Entscheidungen der Kunden und die leistungsfähigsten Mitarbeiter und Teams bietet die Wirtschaftspsychologie die geeigneten Instrumente.

Wirtschaftspsychologie liefert wertvolle Entscheidungshilfen und Modelle, um anwendungsbezogene Fragen effektiv zu lösen, wie etwa:

  • Was ist für das Design effektiver Arbeitsteams zu beachten?
  • Wie können Mitarbeiter erfolgreich geführt werden?
  • In welcher Form können Informationen optimal an eine Zielgruppe übermittelt werden?
  • Wieso sind Kunden bereit für das Angebot einer Firma mehr zu zahlen als für das objektiv gleiche Angebot von Wettbewerbern?
  • Warum entscheiden sich Kunden für ein bestimmtes Angebot?
  • Wie kann man Kunden gewinnen und binden?
  • Wie und warum entstehen Spekulationsblasen und Panikreaktionen auf Märkten?

Dieses Kapitel gibt einen einführenden Überblick über die Wirtschaftspsychologie, bevor andere Kapitel sich spezifischen wirtschaftspsychologischen Themen widmen.

Nach einem Einblick in den Kontext der Wirtschaftspsychologie geht der Text auf Psychologie als Wissenschaft ein. Er zeigt die Rolle der Wirtschaftspsychologie innerhalb der Psychologie. Zentrale Herausforderungen und deren Einflüsse auf Forschung und Anwendung der Disziplin werden herausgestellt. Darauf folgt eine Darstellung der Teildisziplinen innerhalb der Wirtschaftspsychologie. Das Kapitel schließt mit der Darstellung aktueller Entwicklungen, welche die Wirtschaftspsychologie beeinflussen.