9. Erwartungswert-Theorien der Motivation

Wie beeinflussen Erwartungen die Motivation? Damit beschäftigen sich die Erwartungswert-Theorien der Motivation.

In den vorangehenden Kapiteln hat sich gezeigt, dass:

  • Motive zwischen verschiedenen Personen unterschiedlich sind,
  • Motive sich bei einer Person verändern können,
  • je nach Situation andere Motive relevant sein können,
  • verschiedene Verhaltensweisen und Ziele den gleichen dahinter liegenden Motiven dienen können,
  • die gleichen Verhaltensweisen und Ziele bei verschiedenen Menschen aus unterschiedlichsten Motiven heraus angestrebt werden können und
  •  bei fast allen Verhaltensweisen Motivkonflikte bestehen.

Erwartungswert-Theorien der Motivation berücksichtigen und integrieren alle diese Erkenntnisse. Insbesondere zwei Arten von Erwartungen sind wichtig: Erstens Erwartungen an die Eignung eines Verhaltens, Motive zu befriedigen und zweitens Erwartungen an Rahmenbedingungen, um das entsprechende Verhalten ausführen zu können. Die nächsten Abschnitte stellen das dar.

Erwartete Eignung eines Verhaltens oder Zieles

Erwartungswert-Theorien der Motivation gehen davon aus, dass eine Person aus der Unzahl von möglichen Verhaltensweisen vorhersagbar eine auswählt – diejenige von der sie erwartet, dass sie am besten die bestehenden Motive befriedigt. Motivation ist nach diesen Theorien eine Funktion aus

  • der Stärke und Struktur bestehender Motive und
  • der erwarteten Eignung eines Verhaltens/Zieles diese Motive zu befriedigen.

Praxistipps

Mit diesen Einflüssen ist es aber noch nicht getan. Die wahrgenommene Eignung eines Verhaltens liegt nicht am Verhalten oder dessen Ergebnis alleine, sondern auch an der erwarteten Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis erreicht wird und den damit verbundenen Kosten. So ist beispielsweise der Besitz eines Porsches als Ergebnis eines Verhaltens sicher für viele Menschen sehr motivierend. Allerdings bedeutet das für sich alleine dennoch nicht, dass entsprechende Verhaltensweisen als geeignet ausgewählt werden. Die Verhaltensweise “Kauf” ist mit hohen Kosten verbunden. Es besteht ein Motivkonflikt: Die Motivation Geld zu besitzen und die Motivation einen Porsche besitzen zu wollen sind im Konflikt. Bei der zu einem Kauf alternativen Verhaltensweise “Diebstahl” ist der Mix aus Erfolgswahrscheinlichkeit und negativen Konsequenzen bei Misserfolg nicht besonders hoch, was ebenfalls viele Personen abschreckt.

Erwartete Rahmenbedingungen

Im Modell der Erwartungswert-Theorien müssen also als dritte große Gruppe die wahrgenommenen Rahmenbedingungen aufgenommen werden. Das betrifft die eigenen Fähigkeiten und den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit genauso wie fördernde oder hemmende Umwelteinflüsse und Wahrscheinlichkeiten. Nachfolgende Abbildung zeigt diese drei Einflüsse.

erwartungs_wert_theorien.png
Abbildung: Erwartungswert-Theorien der Motivation


Für Motivation ist also letztendlich die Überlappung dieser drei Einflüsse bedeutsam. Dabei spielen mehrere Begriffe eine zentrale Rolle:

Motive

erwartete Verhaltensergebnisse

Instrumentalität

wahrgenommene Rahmenbedingungen

Möglichkeiten

Motivationspotenzial

Motivation

Diese hier aufgelisteten wichtigen Aspekte der Motivation und Möglichkeiten für ihre Gestaltung in der Praxis sind Gegenstand der nachfolgenden Kapitel.