3. Inhaltstheorien der Motivation

Welche Motive haben Menschen? Darum geht es bei Inhaltstheorien der Motivation. Zu Beginn der psychologischen Motivationsforschung herrschte ein Leitgedanke vor: “Hinter jedem Verhalten muss es wenige zu Grunde liegende Motive geben, die bei allen Menschen vorkommen. Mit diesen allgemein gültigen Motiven sollten dann auch alle Verhaltensweisen und Ziele von Menschen zu erklären sein. Daher ist es erforderlich, diese Motive zu identifizieren.” Entsprechend dieses Denkmusters machte man sich schon früh auf die Suche nach den zentralen Motiven von Menschen.

Rein theoretisches Herangehen

Damals gingen die Psychologen sehr stark theoriegeleitet vor. Sie nutzten noch kaum empirische Forschung, um ihre Theorien zu begründen und zu überprüfen. Daher wurden die unterschiedlichsten Listen mit sogenannten Motiven vorgeschlagen. Mitunter wurde zu dieser Zeit auch anstatt von Motiven von Bedürfnissen, Trieben (etwa von Freud) ja sogar von Instinkten gesprochen. Auffällig ist dabei, dass die vorgeschlagenen Listen kaum miteinander übereinstimmen und zudem unterschiedlichste Anzahlen an angeblich allen Menschen zu Grunde liegenden Motiven postulieren. Mitunter wird dabei sogar von hunderten von Motiven ausgegangen. Das ist wohl auch auf die verschiedenen Menschenbilder zurückzuführen, die von den jeweiligen Schöpfern der Listen angenommen werden (vgl. Gebert & v. Rosenstiel, 2002, S. 44 ff.). So spiegeln sich in den unterschiedlichen Listen letztendlich vor allem die persönlichen Annahmen der Ersteller über die Motivation von Menschen wieder. Entsprechend findet sich etwa bei Psychologen mit dem rationalen Menschenbild eines Homo oeconomicus das Motiv Geld. Als Kontrast dazu dominiert beim Menschenbild der Human-Relations Perspektive das Motiv sozialer Kontakt und das Motiv der Selbstverwirklichung bei humanistischen Wissenschaftlern. So wird schnell sichtbar, dass bei diesen frühen Vertretern nicht von Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne gesprochen werden kann.

Die Bedürfnispyramide von Maslow

Der bekannteste Vertreter einer Inhaltstheorie der Motivation ist mit Sicherheit die Bedürfnispyramide des humanistisch geprägten Abraham Maslow (Maslow, 1954). Auch in der Praxis ist dieses Modell wohl bekannt und verbreitet. Es soll daher exemplarisch für alle anderen Inhaltstheorien der Motivation diskutiert werden.

Maslows Theorie geht von einer hierarchischen Struktur der Motive aus, daher auch der Begriff Bedürfnispyramide. Als unterste Ebene der Pyramide nimmt Maslow die physiologischen Grundbedürfnisse (z.B. Hunger, Durst, Atmung, …) an. Erst wenn diese befriedigt sind, so die Theorie, wird die nächsthöhere Motivgruppe aktiviert, die Sicherheitsmotive (z.B. Schutz, Angstfreiheit, …). Es folgen soziale Motive wie Kontakt, Liebe und Zugehörigkeit. Darüber wiederum liegen Motive des Selbstwertes wie Anerkennung und Status. An der Spitze der Pyramide steht das Motiv der Selbstverwirklichung. Erst wenn die vorgelagerte Motivklasse befriedigt ist, kann jeweils die nächste Motivklasse aktiviert werden. Daher kann beispielsweise Selbstverwirklichung nach Maslow erst angestrebt werden, wenn alle darunter liegenden Motive zufrieden gestellt sind.

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Abbildung: Bedürfnispyramide von Abraham Maslow (Maslow, 1954)


Die Theorie von Maslow ist offenbar zunächst plausibel und hat sich entsprechend erfolgreich in der Praxis verbreitet. In der Tat kann sie als eine Art Checkliste dienen, um zu identifizieren, wo ggf. noch Motivationspotenzial für Mitarbeiter liegt. Nachfolgende Tabelle liefert dazu ein paar Ideen (vgl. dazu auch Comelli und v. Rosenstiel, 2009, S. 14).

Ebene der Bedürfnisse nach Maslowpassende Angebote für die Ebene
physiologische Bedürfnissegute Luft, Kantine (Essen), Ruhe, schadstoffarme Umgebung, ergonomisches Mobiliar, …
Sicherheitsmotivelangfristige Arbeitsverträge, Versicherungsschutz (Krankheit), Altersvorsorge, ausreichend gute Bezahlung, Erhaltung des Marktwertes der Mitarbeiter, …
soziale Motivegutes Betriebsklima, gute Beziehungen zu den Vorgesetzten udn Kollegen, Teamarbeit, gemeinsame Veranstaltungen (Betriebsausflug), Räumlichkeiten zum Austausch (Teeküche), …
Selbstwertöffentliche Anerkennung, Lob durch Vorgesetzte, Titel und Statussymbole (Typ des Dienstwagens), …
SelbstverwirklichungFreiraum bei der Arbeit, Möglichkeiten mit zu entscheiden, Weiterbildung und Karrierechancen, Möglichkeiten Projekt- oder Führungsverantwortung zu übernehmen, …

Was ist aber letztendlich bei näherer Betrachtung von den Annahmen der Theorie von Abraham Maslow zu halten?

Kritik an der Motivationstheorie von Maslow

Schon ohne umfangreiche wissenschaftliche Studien kann im Alltag mit einfachen Beobachtungen die postulierte Hierarchie der Motive angezweifelt werden. Wir finden Personen, die ihre Sicherheit für Status beeinträchtigen (Beispiel Mutproben), die für Selbstverwirklichung die Gesundheit riskieren, z.B. hungern für eine schlanke Figur oder riskante kosmetische Operationen und auch Menschen sich im Extremfall selbst für geliebte Menschen gefährden.

Würden die Annahmen der Theorie von Maslow zutreffen, hätte das natürlich auch gravierende Bedeutung für die wirtschaftspsychologische Praxis. Aber auch hier sind deutliche Zweifel angebracht. Beispielsweise würde es gar keinen Sinn machen, einem Konsumenten Produkte anzubieten, die dessen soziales Prestige erhöhen (Motive des Selbstwertes), wenn das soziale Kontaktbedürfnis (soziale Motive) noch nicht zufrieden gestellt ist.

Ebenso würde es keinen Sinn machen, einem Mitarbeiter Freiraum bei der Arbeit einzuräumen (Selbstverwirklichung), wenn dessen soziales Kontaktbedürfnis noch nicht befriedigt ist (soziale Motive) oder er noch keinen hohen Status genießt (Motive des Selbstwertes). Beide Beispiele zeigen bereits ganz gut, dass die hierarchische Struktur in der Theorie von Maslow weltfremd ist.

Tatsächlich fallen auch die Ergebnisse von empirischen Überprüfungen der Theorie von Maslow entsprechend negativ aus (vgl. Gebert & v. Rosenstiel, 2002, S. 48). So konnte neben der behaupteten Hierarchie unter anderem auch die von Maslow behauptete Abgrenzung der Motivklassen nicht wissenschaftlich bestätigt werden. Darüber hinaus fehlen im Modell auch inhaltlich ganz wesentliche Motive wie Leistung oder Macht. Was bleibt also letztendlich von der Bedürfnispyramide für die Praxis? Unbestreitbar ist ggf. ein heuristischer Wert der Theorie für psychologische Laien.

Praxistipps

Insgesamt waren die rein theoriegeleiteten Inhaltstheorien der Motivation wissenschaftlich also wenig befriedigend, da sich die Motive je nach Personenzielgruppe stark unterscheiden und zudem im Zeitverlauf deutlich ändern können. Daher wurden in der Folge andere Konzepte verfolgt. Das nächste Kapitel stellt explorativ gewonnene Inhaltstheorien der Motivation dar.