16. Transformationale Führung und Charisma

Welche Wirkung können transformationale Führung und Charisma bei den Geführten entfalten? Das zeigt dieses Kapitel.

Transaktionale Führung

Klassischerweise werden Unternehmen eher transaktional geführt. Das bedeutet, Leistung wird gegen Geld getauscht, Ergebnisse werden honoriert (z.B. mit Bonuszahlungen und mit variablem Gehaltsanteil). Es besteht ein sachliches Austauschverhältnis (daher der Begriff transaktionale Führung), das einen rationalen Mitarbeiter unterstellt, der sich aus rein finanziellem Kalkül engagiert – ein Menschenbild, das die Psychologie längst widerlegt hat. Auch in der Praxis wurden immer mehr Zweifel daran laut, dass dies der effektivste Führungsansatz ist. Man beobachtete beispielsweise, dass Personen ehrenamtlich ohne materielle Entlohnung arbeiten oder dass Menschen ihre gesamte materielle Existenz, teilweise ihr Leben „höheren Zielen“ in Organisationen zur Verfügung stellen. Man denke an religiös (z.B. Sekten) oder stark ideologisch (z.B. Politik) geprägte Organisationen. Es ist also verständlich, dass man in Unternehmen auf derartige Erscheinungen aufmerksam wurde, denn ein Mitarbeiter, der aus innerer Überzeugung ohne materiellen Austausch arbeitet und gebunden ist, erscheint betriebswirtschaftlich erstrebenswert.

Transformationale Führung

Ein Ziel von Führung ist mittlerweile in manchen Unternehmen die Transformation der Geführten, man spricht von transformationaler Führung. Diese strebt an, dass sich Mitarbeiter anstatt von äußeren Anreizen (etwa der Bezahlung) aus innerem Commitment für die Organisation und deren Ziele einsetzen. Das erfordert Führungskräfte, die ihre Geführten für das Unternehmen und dessen Ziele extrem begeistern können und einen besonderen Einfluss auf diese Personen ausüben. Auswirkungen sind dann überdurchschnittliches Engagement der Mitarbeiter sowie hohe Loyalität und starke Bindung an die Führungsperson.

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Abbildung: Transformation als Ergebnis von Führung

Wie die Abbildung zeigt, konzentriert sich transformationale Führung nicht direkt auf klassische Ziele wie die Arbeitsleistung der Mitarbeiter – transformationale Führung konzentriert sich auf die Mitarbeiter selbst, auf ihre Veränderung hin zu begeisterten Anhängern. Mit derartig transformierten Mitarbeitern lassen sich dann letztendlich auch überlegene Leistungsergebnisse erzielen (Avolio, 2010).

Dabei wirken transformationale Führungskräfte mit vier zentralen Ansatzpunkten auf die Motivation der Mitarbeiter (Bass und Riggio, 2006):

Inspirierende Motivation

Idealisierter Einfluss

Intellektuelle Stimulierung

Individuelle Berücksichtigung

Diese Auflistung macht klar, dass transformationale Führung aus einer Mischung an verschiedenen sinnvollen Maßnahmen besteht. Vereint werden diese  Maßnahmen durch das gemeinsame Ziel: Das Denken und die Motivation der Mitarbeiter tiefgreifend zu verändern.

Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass bei dem Ziel einer Transformation der Geführten ethische Fragen auftreten. Die Transformation eines Mitarbeiters zum innerlich überzeugten Anhänger stellt schließlich einen tiefgehenden Eingriff in dessen Erleben und Verhalten dar.

Charismatische Führung

Im Kontext von Transformation wird oft auch der Begriff der charismatischen Führung erwähnt. Charismatische Führung ist dabei unabhängig von einer moralischen und subjektiven Wertung. Man wird diese Eigenschaften Mahatma Gandhi ebenso wie Adolf Hitler oder Osama Bin Laden zuschreiben. Diese Führungspersönlichkeiten haben starken Einfluss auf ihre Anhänger ausgeübt, und zwar fernab rein materieller Anreize. Sie haben ihre Anhänger transformiert, aus innerer Überzeugung das gewünschte Verhalten zu zeigen. Das führt auch zur Beobachtung, dass charismatische Personen meist stark polarisieren. Es gibt oft fanatische Anhänger ebenso wie Ablehner.

Es stellte sich die Frage: Was macht diese Führungskräfte besonders? Meist werden folgende Aspekte im Zusammenhang mit derartigen Führungspersonen genannt:

starke kommunikative Fähigkeiten

eine klare Vision

symbolisches Verhalten

Ansprechen von Emotionen der Geführten

großes Selbstvertrauen

hohe Erwartungen an die Geführten

Diese charismatischen Aspekte sind offenbar teilweise angeboren. Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge haben vergleichbare Ergebnisse, wenn man ihre charismatischen Eigenschaften misst. Charismatische Führungspersönlichkeiten sind meist extrovertiert und haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein (vgl. z.B. House und Howell, 1992).

Praxistipps

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine breite Diskussion darüber, ob charismatische Führung und transformationale Führung dasselbe sind. Die beste Antwort ist vermutlich, dass transformationale Führung eher ein Ergebnis von Führung als deren Weg ist. Insofern kann man Transformation als Ergebnis charismatischer Führung bezeichnen. Anstelle der unmittelbaren Anreize wird bei der transformationalen Führung eine ideologische Komponente zur Motivation der Mitglieder in einer Organisation eingesetzt. Dieser Schritt der Transformation der Geführten gelingt charismatischen Führungspersonen wesentlich besser.

Welche Bedeutung hat Führungskompetenz für die einzelne Führungskraft und wie kann diese eingesetzt werden, um Karriere und Leistung der Mitarbeiter zu maximieren? Besonders aufschlussreich sind Studien, die sich angesehen haben, womit Führungskräfte sich beschäftigen und wie das ihre Karriere und die Leistung der Arbeitseinheit beeinflusst. Dazu das nächste Kapitel.