5. Führung und Menschenbilder

Welche Rolle spielen Menschenbilder bei der Mitarbeiterführung? Wie beeinflussen Menschenbilder von Führungskräften das Führungsverhalten und welche Risiken entstehen daraus? Mit welchen typischen Bildern führen Manager?
Von diesen inneren Bildern bei Führungskräften und ihren Auswirkungen handelt dieses Kapitel: Es zeigt die Bedeutung von Menschenbildern und liefert eine Definition, es beschreibt, wie Annahmen über Mitmenschen als sich selbst erfüllende Prophezeiung zur Realität werden. Der Text zeigt Beispiele und die großen Risiken, die mit unreflektiert übernommenen Bildern für den Führungserfolg einhergehen. …

Menschenbilder: Führung folgt den inneren Bildern der Führungskräfte über Mitarbeiter – etwa der verbreiteten Überzeugung, dass Mitarbeiter rational sind

Menschenbild: Definition und Bedeutung

Was ist ein Menschenbild? Jeder Mensch versucht regelmäßig, das Verhalten anderer Personen zu erklären, vorherzusagen und zu beeinflussen. Wem vertrauen wir Informationen an, wem lieber nicht? Wem sollte man etwas leihen? Wen wollen wir als Freund, wen lieber nicht? Dabei verlassen sich Menschen mehr oder weniger bewusst auf ihre Menschenbilder, ihre inneren Überzeugungen andere Menschen betreffend. Diese sind damit ein ganz zentraler Einfluss auf das Verhalten anderen Menschen gegenüber. Die Bedeutung von Menschenbildern kann also gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das gilt auch für Führungskräfte. Menschenbilder sind ein Schlüssel für erfolgreiche Führung – sofern diese zutreffen. Und genau dort liegt das Problem. Viele Personen haben hartnäckige Überzeugungen gewonnen über ihre Mitmenschen und wie diese funktionieren. An diesen lieb gewonnen Überzeugungen halten sie oft fest, egal was die Fakten sind. Friedrich Nietzsche hat das sehr schön ausgedrückt mit „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“

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Aber was ist ein Menschenbild genau, wie lautet die Definition?

Ein Menschenbild ist eine alltagspsychologische Vorstellung darüber, wie andere Menschen Entscheidungen treffen, sich verhalten und auf Reize reagieren. Anhand dieser Vorstellung treffen Menschen Annahmen und Vorhersagen über das Verhalten und Erleben ihrer Mitmenschen und versuchen diese zu beeinflussen.

Menschenbilder wirken also stark auf das Verhalten gegenüber anderen. Im folgenden Abschnitt geht es um typische Menschenbilder bei Führungskräften.

Welche Menschenbilder gibt es? Beispiele

Rein beruflich müssen sich Führungskräfte intensiv mit der Vorhersage und Beeinflussung des Verhaltens anderer Menschen befassen. Nicht zuletzt bezahlt man sie dafür. Führungskräfte verhalten sich dabei nicht einfach willkürlich ihren Mitarbeitern gegenüber. Sie lassen sich von ihren Menschenbildern leiten und verwenden dabei, oft wenig bewusst, Annahmen, die auf den ersten Blick auch vernünftig erscheinen. Hier zwei Beispiele:

  • „Glückliche Kühe (d.h. Mitarbeiter) geben mehr Milch!”
  • „Mehr Gehalt führt zu mehr Leistung!”

In der Wissenschaft bezeichnet man das als laienpsychologische Annahmen. Auffällig ist, dass sich solche intuitiven Annahmen oft widersprechen. So mag die eine Führungskraft annehmen: „Freiraum führt zu mehr Leistung, man muss die Mitarbeiter atmen lassen!” Eine andere Führungskraft dagegen hat vielleicht das Prinzip: „Freiraum führt zu Faulheit, man muss Mitarbeiter eng führen und kontrollieren!” Vielleicht sind sogar beide Führungskräfte erfolgreich in ihrem Bereich, was bei beiden das Menschenbild noch weiter festigen wird.

Ähnliche alltagspsychologische Annahmen werden oftmals auch auf Kunden bezogen: „Preissenkungen führen dazu, dass ein Angebot attraktiver wird, und damit zu mehr Absatz!” oder „Mehr Auswahl führt dazu, dass jeder findet, was seinen Bedürfnissen am besten entspricht. Mit mehr Auswahl verkauft man mehr!” sind zwei Beispiele für laienpsychologische Annahmen, die von einem rationalen Menschenbild ausgehen.

Auch sämtliche sozialen Stereotype bzw. Vorurteile gehören zu den alltagspsychologischen Annahmen: Frauen und mathematische Kompetenzen, Südländer und Arbeitsmotivation usw.

All diesen Beispielen ist gemeinsam, dass Verhalten gegenüber anderen Menschen gezeigt wird – auf Basis von mehr oder minder bewussten, vollkommen ungestützten Annahmen über diese Personen.

Der nächste Abschnitt zeigt wie Menschenbilder wirken und sich dabei immer wieder selbst bestätigen.

Menschenbilder bestätigen sich selbst

Bei Menschenbildern gibt es einen interessanten Effekt: Sie führen oft dazu, dass sie sich selbst bestätigen. Wie funktioniert das konkret?

Nehmen wir als Beispiel an, eine Mutter entwickelt die Überzeugung, ihr Sohn sei wenig begabt. Entsprechend diesem Menschenbild wird die Mutter sich verhalten: Der Sohn bekommt weniger herausfordernde Aufgaben, darf nicht viel selbst entscheiden, seine Entscheidungen werden hinterfragt und kontrolliert und er bekommt weniger Lob. Als Konsequenz entwickelt der Sohn ein geringeres Selbstvertrauen und hat weniger Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen zu erwerben. Entsprechend wird der Sohn in seinem Verhalten weniger erfolgreich und kompetent sein. Die Mutter, die das beobachtet wiederum wird in ihrem Menschenbild gefestigt und sich noch intensiver in diese Richtung verhalten. Ein perfekter Teufelskreis, der dazu führt, dass der Sohn tatsächlich wenig begabt wird und sich immer mehr in diese ungünstige Richtung entwickelt.

Dieses Beispiel lässt sich ohne weiteres auf die Führung von Mitarbeitern übertragen. Es ist klar, worauf es hinausläuft, wenn eine Führungskraft die Überzeugung entwickelt hat „Meine Mitarbeiter sind unfähige Idioten, man sollte mir Schmerzensgeld zahlen, damit ich ihnen beim Arbeiten zusehe, lieber mache ich es selbst, dann habe ich weniger Arbeit!”. Diese Führungskraft wird am Ende ihre Mitarbeiter tatsächlich zu unselbständigen Idioten entwickelt haben – nicht zuletzt auch weil die anderen Mitarbeiter gehen.

Wie genau läuft der Prozess aus wissenschaftlicher Sicht ab? Die Schritte in diesem Prozess sind immer die selben:

  1. Menschenbild der Person A
    Person A hat Überzeugungen über Person B entwickelt.
  2. Verhalten der Person A
    Entsprechend dieses Menschenbildes verhält sich Person A gegenüber Person B.
  3. Selbstbild und Eigenschaften der Person B
    Dieses Verhalten beeinflusst bei Person B das Selbstbild und die Eigenschaften, häufig in Richtung der Erwartungen von Person A.
  4. Verhalten der Person B
    Person B verändert ihr Verhalten in Richtung der Überzeugungen von Person B.

Und hier schließt sich der Kreis: Person A nimmt das Verhalten wahr und interpretiert es wieder in Richtung ihres Menschenbildes. Ihr Bild über Person B festigt sich. Und so geht es immer weiter. Es sei denn die inneren Menschenbilder und ihre Auswirkungen werden der Person A bewusst und sie ändert Einstellung und Verhalten.

Praxistipps
Die Wirkungen der Menschenbilder machen relativ deutlich, mit welchem Menschenbild man Mitarbeiter besser entwickeln wird:

  • Am Beginn einer Beziehung sollte man starten, mit einem Bild das geprägt ist von Vertrauen, Glaube an die Fähigkeit und Motivation des Mitarbeiters und Wertschätzung. Diese innere Haltung spürt der Mitarbeiter und wird sich eher in diese Richtung entwickeln.
  • Zudem hat man so eine bessere Chance, eine gute Beziehung zu diesem Mitarbeiter aufzubauen. Eine wichtige Basis für die Führung.
  • Natürlich darf man nicht blindlings an diesem Bild festhalten, wenn der Mitarbeiter sich deutlich entgegengesetzt verhält. Die Chance für einen guten Start ist es aber meist wert, einen Vertrauensvorschuss zu geben. Der Trick beim Vertrauensvorschuss ist, dass es eben nur ein Schuss ist – ein bisschen mehr also als man eigentlich für angemessen hält.
  • Menschenbilder sollten also immer etwas (aber nur etwas) positiver sein, als eigentlich objektiv gerechtfertigt. Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter immer als ein wenig kompetenter, selbständiger, vertrauenswürdiger… als diese vielleicht sind.

Die Risiken durch Menschenbilder sind das Thema des nächsten Abschnitts.

Menschenbilder: Risiken

Die Menschenbilder beeinflussen also deutlich das Verhalten einer Führungskraft, mitunter bekommen hunderttausende an Mitarbeitern die Konsequenzen zu spüren. Welche Risiken entstehen durch die Menschenbilder der Führungskräfte? Wo liegt das Problem bei der unreflektierten Verwendung laienpsychologischer Menschenbilder? Die Erfahrung zeigt, dass oft auf den ersten Blick überzeugende Ideen bei näherer Betrachtung gravierende Nachteile haben. Bei genauerer Untersuchung sind Menschenbilder oft nicht nur undifferenziert – weitverbreitete und akzeptierte Annahmen können sich bei wissenschaftlicher Überprüfung sogar als komplett falsch herausstellen. Ob die Ansätze und Maßnahmen dann funktionieren, ist somit eher Zufall. Und darin liegt auch die große Gefahr für Führungskräfte: Entscheidungen von Führungskräften auf Basis ungeprüfter Menschenbilder sind oft suboptimal.

Etwas vordergründig wird man vielleicht versucht sein, Vertreter der Theorie X der “schwarzen Seite der Macht” zuzuordnen und zu verurteilen und die Vertreter der Theorie Y eher der “weißen Seite der Macht”. Tatsächlich zeigen spätere Kapitel (etwa zur transformationalen Führung), dass Führungskräfte mit Theorie Y noch wesentlich manipulativer und auch schädlicher sein können.

Der letzte Abschnitt liefert die entscheidenden Tipps – nicht zuletzt, um diese Risiken zu vermeiden.

Tipps zu Führung und Menschenbildern

Es folgt eine Zusammenstellung der wesentlichen Tipps zu Führung und Menschenbildern.

Tipps zu Führung und Menschenbildern

Im nächsten Kapitel stehen Theorie X und Theorie Y als Beispiel für Menschenbilder in der Führung im Mittelpunkt.