2. Führung: Perspektiven und Definition

Für eine Annäherung an das Thema Führung ist es zunächst wichtig, zu klären, was unter Führung eigentlich zu verstehen ist: Es geht um Perspektiven auf und Definition von Führung. Davon handelt dieses Kapitel.

Perspektiven auf Führung

Es gibt verschiedene Perspektiven auf die Führung von Menschen, wie folgende Abbildung zeigt. Manche davon sind ungewohnt aber dennoch sehr entscheidend, wenn es um erfolgreiche Zusammenarbeit und Karriere geht.

Abbildung: Perspektiven auf Führung

Wesentliche Perspektiven auf Führung sind:

In der Regel versteht man in Organisationen Führung als Führung nach unten, als Führung von unterstellten Mitarbeitern. Diese Perspektive der Führung im engeren Sinne ist sicher die klassische und naheliegende auf das Thema Führung. Unternehmen investieren hier meist ohne Vorbehalte in Trainings und Personalentwicklung und erwarten, dass ihre Führungskräfte diese Kompetenzen weiter ausbauen. Der Zusammenhang mit dem betrieblichen Erfolg erscheint eindeutig, schließlich ist gewünscht, dass Führungskräfte die Ziele von oben bei ihren Mitarbeitern durch Einflussnahme umsetzen. Bei Führungstrainings wird somit wie selbstverständlich meist ausschließlich diese Perspektive vermittelt.

Führung nach oben ist die Führung, mit der Mitarbeiter ihre Vorgesetzten lenken und leiten. Für die einzelne Führungskraft mag das persönlich der wichtigste Aspekt der Führung sein, hängen doch die Karriere und auch Aspekte der Selbstverwirklichung sehr stark von dieser Kompetenz ab. Wer nach oben führen und überzeugen kann, wird meist viel bewegen in Unternehmen, wer das nicht kann, erhält von oben weniger Unterstützung für seine Ziele. Das Interesse an diesem Thema bei der einzelnen Führungskraft sollte deshalb hoch sein und tatsächlich befassen sich viele Führungskräfte damit oft sogar mehr als mit der Führung nach unten (vgl. Luthans, Hodgetts & Rosenkrantz, 1988). Entsprechend verwunderlich ist, dass es hierzu bislang wenige Veröffentlichungen und Trainingsangebote für Führungskräfte gibt. Die Bereitschaft von Arbeitgebern, in derartige Kompetenzen zu investieren, ist allerdings verständlicherweise eher gering, denn die Vorstellung, dass von unten nach oben geführt wird, widerspricht meist dem Selbstverständnis.

Praxistipps
Führungskräfte sollten ihre Perspektive auf Führung möglichst erweitern, um die Stärken verschiedener Blickwinkel zu nutzen. Es gilt, das Spannungsverhältnis und die unterschiedlichen Interessen innerhalb der Organisation zu verstehen und in alle Richtungen erfolgreich zu führen.

Wer nur die Perspektive der Führung nach unten sieht und dabei verharrt, verbaut sich wertvolle Chancen im Berufsleben, denn er übersieht wesentliche weitere Handlungsfelder der Führung. Er wird schnell zum Spielball anderer Interessen und fremdgesteuert durch Vorgesetzte und Kollegen oder gerät in Konfliktsituationen – auch mit sich selbst und privaten Interessen.

Daneben gibt es auch den Begriff der lateralen Führung von hierarchisch gleich gestellten Personen. Nicht selten ist laterale Führung erforderlich, um Projekte erfolgreich abzuschließen. Wer es nicht schafft, auf einer Ebene gut zusammenzuarbeiten und Allianzen zu schmieden, wird Nachteile als Führungskraft haben. Obgleich das für den praktischen Erfolg einer Abteilung, die eine Führungskraft verantwortet, ein wesentlicher Aspekt ist, findet man dazu in Trainings und Lehrbüchern kaum Ansätze.

Auch in der Interaktion mit externen Gruppen wie Kunden und anderen Interaktionspartnern (z.B. Lieferanten oder Dienstleistern) liegt eine wichtige Perspektive der Führung. Nur wer es versteht, auch das Verhalten dieser relativ unabhängigen Gruppen in die gewünschten Bahnen zu lenken, kann tatsächlich erfolgreich als Führungskraft agieren.

Selbstführung ist eine wesentliche Führungskompetenz. Diese Fähigkeit ist Voraussetzung für die Führung anderer Personen. Wer selbst nicht als Vorbild geeignet ist, keine Ziele hat oder seine Ziele nicht systematisch und organisiert erreichen kann, wird schwer Akzeptanz und Erfolg als Führungskraft finden. Ein Satz von Nietzsche trifft diesen Befund gut: “Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann.” Zudem ist in diesem Bereich auch die gelungene “Balance” (besser Integration) von Privatleben und Beruf angesiedelt. Auch diese ist eine Grundvoraussetzung für hohe Leistungsfähigkeit als Führungskraft.

Dieser Text fokussiert, um den Rahmen nicht zu sprengen, auf die klassische Definition von Führung als Führung nach unten.

Definition von Führung

Was versteht man genau unter Führung von Menschen? Führung als Begriff wird ja nicht nur in Bezug auf Menschen verwendet, sondern auch auf anderes wie etwa Automobile oder Hunde. Meist ist damit irgendeine Form der Lenkung und Beeinflussung gemeint, das gilt auch für die Menschenführung. Führung kann in diesem Zusammenhang folgendermaßen definiert werden:

Führung ist die zielgerichtete Beeinflussung des Erlebens und des Verhaltens von Einzelpersonen und von Gruppen innerhalb von Organisationen.

Natürlich gibt es andere Definitionen von Führung. Diese sind aber zumindest teilweise unzutreffend bis hin zu falsch, da entweder wichtige Aspekte fehlen oder diese häufige Merkmale von Führungspersonen (wie z.B. formelle Autorität, Vorbildfunktion oder Entscheidungsspielraum) mit dem Prozess der Führung selbst verwechseln bzw. gleichsetzen.

Führung zeichnet sich durch folgende Aspekte aus:

Führung ist zielgerichtet

Führung bezieht sich auch auf Erleben

Führung bezieht sich auf Einzelpersonen, aber auch auf Gruppen

Führung ist Beeinflussung innerhalb der Organisation

Führung und Management

Nicht selten werden auch die Begriffe Führung und Management gleichgesetzt oder verwechselt. Daher soll hier kurz eine Abgrenzung vorgenommen werden.

Management betrifft neben Menschen auch Aspekte wie Finanzen, Infrastruktur und Technologie. Es baut zudem auf die formelle Autorität einer Position, um Einfluss zu nehmen. Führung betont die Beeinflussung von Menschen, die Motivation und Förderung von Mitarbeitern und Gruppen. Wesentlicher Unterschied zum Management ist der ausschließliche Fokus auf den Menschen. Somit kann man Führung im engeren Sinne auch als einen Teil des Managements auffassen, der das Verhalten und Erleben von Menschen in der Organisation betrifft. Allerdings ist Führung nicht an eine formelle Position gebunden. Es ist nicht selten, dass auch Personen ohne formell vorgesehene Zuständigkeit führen, indem sie das Verhalten und Erleben anderer Personen in Organisationen stark beeinflussen. Diese Eigenschaft macht Führung gewissermaßen auch etwas breiter als “nur” einen Teil des Managements.

Führung ist also Beeinflussung in Richtung von Zielen. Das folgende Kapitel handelt von diesen Zielen.