1. Einleitung: Führung von Menschen

Kaum ein Thema der Wirtschaftspsychologie hat so viel Aufmerksamkeit in der Praxis erfahren wie die Führung von Menschen. Das hat gute Gründe. Wer arbeitet, (er)lebt Führung; möglicherweise früher oder später als Führungskraft, von Anfang an aber als Mitarbeiter. Kompetenz in diesem Thema ist nicht nur für die Karriere und den Erfolg wichtig, sondern auch für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz, indem sie unangenehme Situationen erspart bzw. kompetent lösen hilft.

Einstellungen zu Führung

Zudem herrschen in weiten Teilen der Gesellschaft ein ausgeprägter Glaube an die Bedeutung von Führung und ein starkes Interesse an Führungspersonen und deren Tätigkeit. Neben der persönlichen Relevanz für das Individuum wird der Führung damit auch hohe Relevanz für den Erfolg der Gesamtorganisation zugeschrieben. Fragt man eine Gruppe von Managern, was die wichtigste Basis für den Erfolg von Unternehmen ist, dann wird man oft hören: “Herausragende Führung!” Entsprechend hoch sind auch die Gehälter für Top-Führungskräfte.

Dieses Erklärungsmodell für Erfolg oder Misserfolg wird auch von anderen Bevölkerungsgruppen geteilt. In Bereichen abseits der klassischen Unternehmen wie Politik und Sport wird ebenfalls an den übermäßigen Einfluss von Führungskräften geglaubt. Beim Scheitern einer Fußballmannschaft wird beispielsweise typischerweise die Schuld beim Trainer gesucht.

Bei der Einstellung zu Führungskräften zeigt sich eine psychologische Ambivalenz. Zwar gesteht man den Führungspersonen eine hohe Bedeutung zu, dennoch ist der Ruf von Führungsgruppen wie Politikern oder Managern eher schlecht. Von manchen Menschen wird Führung als etwas geradezu Unanständiges betrachtet, das am besten, wenn überhaupt, ehrenamtlich erfolgen sollte. Zahlreiche Menschen wollen daher auch nicht, dass Führungskräfte viel Geld verdienen. Bestrebungen, beispielsweise das Gehalt von Managern zu regulieren, kommen immer wieder auf. Führungskräfte werden somit zwar als erfolgsentscheidend betrachtet, aber häufig vertraut man ihnen nicht und möchte ihnen nicht zu viel Macht und Gehalt zugestehen.

Psychologische Forschung zur Führung von Menschen

Beflügelt durch den traditionell festen Glauben an die Bedeutung der Führungspersonen, hat die Führungsforschung eine lange Tradition. Die Psychologie als empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen hat sich schon früh als sehr guter Zugang zum Thema Führung bewährt, geht es doch letztlich bei der Führung darum, das Verhalten und Erleben anderer Menschen zu beeinflussen. Ursprünglich oftmals aus dem militärischen Bereich kommende Konzepte, Modelle und Theorien wurden in das Management übertragen, wissenschaftlich von Psychologen untersucht und weiter optimiert.

Praxistipps
Für Personen in Führungspositionen hat der starke Glaube an die Bedeutung der Führung und die ambivalente Einstellung zu Führungspersonen deutliche Konsequenzen:

Führungspositionen sind mit einigen Annehmlichkeiten verbunden, aber man erhält auch eine Quittung. Die Erwartungen an Führungspersonen sind hoch: Sie tun gut daran, Demut zu zeigen, wenn sie erfolgreich sind, und werden zur Rechenschaft gezogen, wenn Ergebnisse schlecht sind – selbst wenn sie daran selbst wenig Schuld trifft.

Wer sich diesen Zusammenhang frühzeitig bewusst macht, kann sich unangenehme Situationen ersparen. Man denke beispielsweise an die Reaktionen auf das Victory-Zeichen des damaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann, der deshalb als arroganter, gieriger Machtmensch wahrgenommen und beschimpft wurde. Medienvertreter sprachen hier von Image-Desaster.

Dabei hat sich der Fokus der Aufmerksamkeit in der Führungspsychologie mit der Zeit verändert. Grob können mehrere Phasen der Führungsforschung abgegrenzt werden:


Eigenschaftsorientierte Führungstheorien
Verhaltenstheorien der Führung
Situative Theorien der Führung
Moderne Perspektiven auf Führung

Dieser Text stellt kompakt die unterschiedlichen Strömungen der Führungspsychologie und deren zentrale Modelle dar und diskutiert aktuelle Ergebnisse der Führungsforschung. Das nächste Kapitel diskutiert Perspektiven auf Führung und klärt den Begriff Führung.