5. Gestaltung von Fragen bei Fragebögen und Interviews

Bei Befragungen ist das Ziel, entsprechend der Gütekriterien Reliabilität, Nützlichkeit und Validität, konkrete (reliable), interpretierbare (nützliche) und richtige (valide) Information zu gewinnen. Eine Frage darf den Teilnehmer z.B. nicht überfordern. Fragestellungen sollten sofort verstanden werden. „Schwierige Fragen“ können die Item-Nonresponse erhöhen. Darüber hinaus sollten Fragen akzeptiert werden, als sinnvoll empfunden werden und die Teilnehmer weiter motivieren.
Dazu kann die Gestaltung der einzelnen Fragen einen sehr bedeutenden Beitrag liefern.

Für die inhaltliche Ausgestaltung gibt es zahlreiche Regeln, die hier kurz im Überblick dargestellt werden:

  • Direkte Fragen sollten nur für Aspekte gestellt werden, die den Befragten tatsächlich bewusst zugänglich sind.
    Die wichtigste Frage ist: Kann der Befragte überhaupt antworten?
    Fragen wie “Was haben Sie letzte Woche jeweils zu Mittag gegessen?” oder “Wie viele Minuten telefonieren Sie im Monat in das deutsche Festnetz?” sind nicht geeignet. Hier sollte auf andere Erhebungsmethoden, wie Beobachtungen zurückgegriffen werden, oder so gefragt werden, dass die Befragten antworten können. Bsp.: “Wie viele Minuten telefonieren Sie ca. am Tag in das deutsche Festnetz?”
    Ebenso gilt die eingeschränkte Zugänglichkeit bei Fragen, die bestimmte Entscheidungen vorhersagen („Wie oft würden sie unser Geschäft besuchen, wenn es nur 5 Kilometer weit weg von Ihrer Wohnung wäre?”), Vermutungen oder Details abfragen, die schlecht zu erinnern sind („Wie oft haben sie in den letzten 10 Jahren unser Geschäft besucht?“). Diese Fragen können entweder falsch oder gar nicht beantwortet werden.
  • Sensibler Umgang mit heiklen Fragen ist wesentlich, um die Validität sicherzustellen.
    Die zweit wichtigste Frage ist daher jeweils: Will der Befragte überhaupt antworten?
    Befragung ist allgemein ein reaktives Messverfahren. Das bedeutet, der Proband reagiert auf die Art der Fragestellung und die Untersuchungssituation. Die bewusste Untersuchungssituation und der Datenerhebungsvorgang gefährden die externe Validität der Studie. Die Auswirkungen von heiklen Fragen auf den Effekt sozialer Erwünschtheit konnten in mehreren Studien nachgewiesen werden.  Das könnten etwa Fragen zum Körperpflegeverhalten sein oder zum Konsum von Alkohol, Zigaretten und Süßigkeiten. Bei schriftlichen Befragungen ist der Effekt von sozialer Erwünschtheit geringer als bei persönlichen Interviews, dennoch werden Fehlantworten provoziert.
    Auch hier gibt es Lösungsansätze:

    • Ein Ausweg können projektive Fragen sein, bei denen man sich beispielsweise in eine andere Person hinein versetzen soll, um die heikle Frage zu beantworten. Damit muss man sozusagen nicht für sich selbst antworten.
    • Akzeptanz für Fragen ist kontextspezifisch.
      Durch Veränderung des Kontextes (Forschungsthemas) werden bestimmte Fragen eher akzeptiert.
      Bsp. “Die meisten Haushalte sind mittlerweile verschuldet. Wie sieht das bei Ihnen aus?”
    • Anstatt freier Antworten (etwa zum Einkommen) ist die Anwendung von Kategorien meist unproblematischer.
      Personen sollen hier lediglich angeben, zu welcher Einkommensgruppe sie gehören.
  • Nur eindeutige und bekannte Begriffe verwenden.
    Zweideutige Begriffe führen zu Verwirrung und Verteilungen in den Antworthäufigkeiten, die manchmal nicht mehr sinnvoll interpretierbar sind.
    Ein Beispiel ist der unklare Begriff ‘sportlich’ der sowohl fair als auch körperlich aktiv bedeuten kann. Bei Fragebögen aus anderen Kulturkreisen ist zudem besondere Vorsicht geboten. Hier können für uns völlig klare Begriffe ganz anders empfunden werden. Daher stellen Multi-Kultur-Fragebögen eine besondere Herausforderung dar, weshalb vorzugsweise Muttersprachler mit einbezogen werden sollten. Außerdem sollten in der Regel keine Dialekte oder Sprachen von Subkulturen verwendet werden (das kann unprofessionell wirken).
    Unklare Begriffe führen auch zu größerer Bedenkzeit der Teilnehmer vor Antworten, was in einem Telefoninterview oder persönlichem Interview stört.
    Der Bildungsstand der Zielgruppe ist hier stark zu berücksichtigen: Eine zu komplizierte Fragestellung oder Thematik kann zu geringerem Verständnis, falschen Antworten oder Ablehnung führen.
    Fremdwörter sollte man vermeiden oder wenn nicht anders möglich, definieren.
  • Doppelte Verneinungen sind zu meiden, da Sie das Verständnis erschweren und zu fehlerhaften Antworten führen.  Ein Negativbeispiel wäre: „Sind Sie gegen eine Ablehnung von Onlinebezahlungen?”.
  • Fragen sollten als Sätze kurz, verständlich und präzise sein.
    Items sollten dafür inhaltlich und formal klar formuliert werden und es sollte stets nach geprüft werden, ob die verwendeten Wörter allgemein verständlich sind und tatsächlich das abgreifen, was gemessen werden soll.
    Auch sollte eine Frage grammatikalisch möglichst simpel formuliert sein, Sätze mit nur einem Prädikat und Objekt sind am besten verständlich.
  • Vor allem sollte immer nur eine Dimension und eine Kategorie abgefragt werden.
    Eine Formulierung wie  „Waren sie mit den gekauften Produkten und dem Service zufrieden?“ findet sich nicht selten in Fragebögen. Sie bezieht sich aber auf zwei verschiedene Dimensionen: Die Zufriedenheit mit den Produkten und die Zufriedenheit mit dem Service. Die Antworten sind daher nicht mehr interpretierbar und sollten von vornherein immer in zwei getrennten Fragen gestellt werden.
  • Unterstellungen, indirekte und suggestive Fragen sind zu vermeiden.
    Es kommt vor, dass die Fragestellung selbst schon eine bestimmte Beantwortung nahelegt, eine Erwartung kommuniziert, beispielsweise „Sehen Sie etwa keine Probleme bei Onlinekäufen?“.
    Fragen die tendenziös in eine Richtung gestellt sind, beeinflussen das Antwortverhalten in diese Richtung.  Mitunter wird das in der Praxis eingesetzt, um bestimmte Ergebnisse manipulativ zu erreichen, wissenschaftlich gesehen, führt diese Art der Suggestivfragen zu verzerrten Daten.

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    Abbildung: Wahlzettel aus dem dritten Reich als Extrembeispiel für Manipulation durch suggestive Fragen und grafische Fragegestaltung

    Der Fragebogen sollte entsprechend auch keine versteckten Hinweise, Wertungen oder Interpretationen, die zu verzerrtem Antwortverhalten führen, beinhalten. Beispielsweise würde bei der Frage „Kennen Sie das neue Werbeprodukt, über das alle reden?“ von den meisten Personen mit „ja“ geantwortet werden, da die Kenntnis des Produkts ja offensichtlich allgemein bekannt sein muss.

  • Fragen sollten immer möglichst wertneutral sein.
    Wertende Fragen, die sich auf vermeintlichem, allgemeinen Überzeugungen oder Verhaltensregeln beziehen, können zu Verzerrungen führen. Wertbesetzte Begriffe wie „Gerechtigkeit“ oder „Freiheit“ können Antwortreaktionen verändern. Auch bei übertriebener Darstellung von Produkten („Würden Sie für unsere Stereoanlage, die außergewöhnliche Klangqualität bietet, einen höheren Preis als für die Produkte anderer Anbieter bezahlen?“) ist Vorsicht geboten.
  • Wichtig ist auch die Verwendung von Antwortkategorien, die erschöpfend (also möglichst alle Antwortkategorien abdecken) und nicht überlappend sind.
  • Fragen sollten konkret und spezifisch sein.
    Generalisierungen sind in der Regel von Nachteil, da sie zu unspezifisch sind. Bei Fragen zur Häufigkeit von Verhalten, ist es von Vorteil, die Kategorien spezifisch einzuteilen. Bei der Frage „Wie oft besuchen Sie das Geschäft im Monat?“ sind Antwortmöglichkeiten wie „manchmal“, „selten“, usw. nicht sinnvoll, da sie zu viel Interpretationsspielraum lassen und keine ausreichenden Informationen liefern. Es ist besser, die Antwortoptionen genauer zu definieren (wie beispielsweise „1 bis 2 Mal“, „mehr als 4 mal“, etc.).
    Wörter wie „alle“, „immer“, „irgendjemand“, „niemals“, usw. sind zu allgemein und sollten daher vermieden werden. Zum Beispiel anstatt zu fragen „Haben Sie innerhalb Ihrer Kaufentscheidung über alle Aspekte nachgedacht?“ wäre es besser zu fragen „Welche Optionen haben Sie bei ihrer Kaufentscheidung mit einbezogen?“.
    Fragen sollten einen eindeutigen zeitlichen Bezug haben; Also nicht: „Haben Sie schon jemals einen MP3 Player gekauft?“, sondern „Haben Sie die letzten drei Wochen einen MP3 Player gekauft?“.