1. Erstellung von Fragebögen als Prozess

Fragebögen werden an einer bestimmten Stelle im Forschungsprozess entwickelt: Die Forschungsfrage ist gestellt und das Design entwickelt, die Entscheidung ist hier auf eine schriftliche Befragung gefallen.

Die Entwicklung eines konkreten Fragebogens folgt einem klar strukturierten Prozess.

erstellung_eines_fragebogens.png

Abbildung: Erstellung eines Fragebogens

Der Prozess wird hier kurz umrissen, wesentliche Punkte sind später in einzelnen Kapiteln behandelt.

  1. Der erste Schritt ist die genaue Umsetzung der Forschungsfrage in eine konkrete Fragebogenstruktur.
    Welche Information muss beschafft werden?
    Hierbei geht es vor allem um die zu messenden Merkmale und Konstrukte sowie die Operationalisierung der Konstrukte. Darüber hinaus wird die logische Struktur des Fragebogens entwickelt. Welche Konstrukte und Merkmale werden in welcher Reihenfolge gemessen und wo werden Filterfragen oder Sprünge eingebaut?
    An dieser Stelle sollte in einem Flowchart der gesamte Fragebogen mit den zu messenden Merkmalen und den entsprechenden Sprüngen grafisch dargestellt werden. Auf dieser anschaulichen Basis kann gut erkannt werden, wie die Befragung ablaufen sollte und wo optimiert werden kann.
    In dieser Phase ist es zielführend, sich genau die Forschungsfrage anzusehen. Wie kann diese am besten in ein Design gefasst werden? Wertvolle Hinweise können bereits vorhandene Studien und Publikationen geben. In unstrukturierten Feldern ist es sinnvoll, vorab qualitativ Experten und Personen aus der Zielgruppe zu befragen, um relevante Inhaltsaspekte zu identifizieren.
  2. Der nächste Schritt ist die Entwicklung von Fragen. Will man etwa das Konstrukt “Kundenzufriedenheit” messen, so wird man geeignete Indikatoren benötigen. In diesem Schritt geht es darum bereits vorhandene und bewährte Messinstrumente für Konstrukte zu recherchieren und zu integrieren oder gegebenenfalls eigene Fragen zu entwickeln, die einen Inhaltsbereich abdecken sollen.
    An dieser Stelle sollte immer wieder mit dem Flowchart des Fragebogens verglichen werden: Sind für alle relevanten Merkmale und Konstrukte geeignete Fragen vorhanden?
    Die Entwicklung von guten Fragen ist sehr anspruchsvoll und wird in einem eigenen Kapitel behandelt.
  3. Der nächste Schritt ist das Überprüfen, Auswählen und Optimieren der Fragen im Team, mit dem Auftraggeber und ggf. mit ersten Mitgliedern der Zielgruppe oder falls vorhanden sogar Experten für Design und Wording.
    Generell gilt: Je kürzer der Fragebogen, desto besser! Bei jeder Frage sollte man sich daher überlegen: Ist diese Frage unbedingt notwendig?
    Kann eine Frage dem Flowchart für den Fragebogen nicht klar zugeordnet werden, dann raus damit!
  4. Jetzt folgt die Erstellung des gesamten Fragebogens, der dann einige Testläufe im Forscherteam haben sollte.
    Hier ist insbesondere das Layout und grafische Design wichtig. Die Befragten müssen sich schnell zurechtfinden, alles verstehen können und motiviert sein und bleiben den Bogen auszufüllen.
  5. Wenn möglich, sollte hier ein Pretest und Optimierung durchgeführt werden.Alle Fehler, die man hier entdeckt, gefährden die Forschungsergebnisse nicht mehr.

    Dieser Pilot-Test sollte daher möglichst umfangreich sein und alle Elemente des Fragebogens beinhalten: Design und Layout, Fragen, Instruktionen etc.

    Meist wird man in mehreren Schritten hintereinander testen, optimieren und erneut testen.

    Je wichtiger die Forschungsfrage, desto umfangreicher wird der Pretest sein.

    Ideal sind dafür Personen, die aus der Zielgruppe stammen (repräsentativ sind) vielleicht sogar im unteren Spektrum des geistigen Verständnishorizonts der Zielgruppe liegen. (Ähnlich wird bei der Softwareoptimierung vom DAU ausgegangen, dem dümmsten anzunehmenden User). Was diese Menschen verstehen, wird später auch die Zielgruppe in der praktischen Befragung verstehen, was diese Personen nicht verstehen, sollte optimiert und erneut getestet werden. Hier hat sich das Verfahren des Lauten Denkens bewährt. Fünf bis zehn Personen sollen dabei den gesamten Fragebogen ausfüllen und alles erwähnen, was ihnen auffällt oder wo sie etwas nicht verstehen.

    Diese Personen sollten getrennt voneinander im Pretest befragt werden, damit sie sich nicht gegenseitig stören und beeinflussen. Die Aussagen werden entweder mitgeschrieben oder digital als Audiodatei aufgezeichnet.

    Kann in einem zweiten Schritt eine größere Stichprobe zum Pretest gewonnen werden, dann lassen sich auch statistische Analysen für die Fragen berechnen.  Fragen mit geringer Trennschärfe oder niedriger prädiktiver Validität, sollten dann gestrichen oder ersetzt werden. So kann das Instrument nochmals kürzer, prägnanter und valider gestaltet werden.

Damit ist der Fragebogen fertig gestellt und kann entsprechend vervielfältigt und je nach Forschungsdesign und Stichprobenplanung den Befragten zugestellt werden.

 

Generell sollte man nicht alles von vorne neu erfinden, sondern bei der Erstellung von Fragebögen auf einige sehr hilfreiche Quellenzurückgreifen.

Fragebbogenerstellung_Input_und_Quellen.png

Abbildung: Wertvolle Quellen für Input bei der Erstellung eines Fragebogens

 

Die wichtigste Quelle wird dabei immer die eigene Forschungsfrage sein. Ist das Design und die Fragen tatsächlich geeignet, die Forschungsziele zu erreichen? Ist dies tatsächlich die effizienteste Lösung, um die entsprechende Information zu erhalten?

Mitunter wird es auch theoretische Perspektiven geben, die wertvollen Input für die Struktur und konkrete Fragen geben. So ist das Konstrukt Vertrauen theoretisch gut erfasst und man wird entsprechende Inhalte (etwa die Vertrauenstreiber Kompetenz und Benevolenz) in einem Fragebogen berücksichtigen können.

Es ist immer empfehlenswert sich bereits vorhandene Fragebögen und Studien genau anzusehen. Was ist hier gut gelaufen und kann übernommen werden? Was ist hier weniger gut gelöst und sollte optimiert werden? Wo sind Kenntnislücken?

Als weitere wertvolle Quellen haben sich Interviews mit Experten und Personen aus der Zielgruppe selbst bewährt. Diese kennen den Bereich, in dem der Fragebogen eingesetzt werden soll, häufig besser. Sie können beispielsweise bei einem Fragebogen zur Kundenzufriedenheit wertvolle Hinweise geben, was die wichtigen Kundenkontaktpunkte mit dem Unternehmen sind und welche Aspekte bei den einzelnen Kontaktpunkten zufriedenheitsrelevant sind.