11. Durchschaubarkeit der Untersuchungssituation

Häufig ist es im Interesse der Forschungsziele, dass die Versuchsteilnehmer nicht alles über die Untersuchung und Forschungsfrage wissen. Generell gilt aus der Sicht der Forscher: Je weniger durchschaubar, desto besser! Das gilt sowohl für die Versuchsteilnehmer als auch für den Versuchsleiter mit Kontakt zu den Teilnehmern. Natürlich lässt sich eine geringe Durchschaubarkeit nicht immer gewährleisten.

 

Bei der Durchschaubarkeit der Untersuchung für die Teilnehmer können mehrere Ebenen unterschieden werden (vgl. Spiegel, 1970).

 

Unter einer vollbiotischen Versuchssituation wissen die Teilnehmer überhaupt nicht, dass sie an einem Versuch teilnehmen. Im Labor ist dies schwer umsetzbar, diese günstige Situation wird man daher vorwiegend im Feld antreffen.

 

Forschungsbeispiel: Areni & Kim, 1993
Ein gutes Beispiel für eine vollbiotische Versuchssituation ist die Studie von Areni und Kim zum Einfluss von Musik auf die Preisakzeptanz bei Wein in der Gastronomie (Areni & Kim, 1993). In einer Weinhandlung wurde zufallsgesteuert abwechselnd klassische Musik und Pop-Musik aus den Top-Forty gespielt. Erhoben wurde unter anderem das Kaufverhalten der Kunden. Interessantes Ergebnis: Mit klassischer Musik wurde sowohl mehr Wein gekauft vor allem aber wesentlich teurerer Wein gekauft. Kunden gaben unter der Bedingung klassische Musik über doppelt so viel Geld aus. Offenbar aktiviert klassische Musik Bereiche im Gehirn, die mit Preiswürdigkeit und Luxus einhergehen.

 

In einer quasibiotischen Versuchssituation wissen die Teilnehmer zwar, dass sie an einem Versuch teilnehmen, wissen aber nicht, dass er angefangen hat. Beispielsweise findet der Test bereits im Wartezimmer statt oder auf dem Weg zum vorgeblichen Versuchsraum. So werden mitunter im Wartezimmer Zeitschriften ausgelegt und man beobachtet, welche Zeitschriften von wem herausgegriffen werden und welche Inhalte beachtet (z.B. per Blickregistrierung) und später in einer Befragung erinnert werden.

 

Eine getarnte Versuchssituation ist dadurch gekennzeichnet, dass die Teilnehmer wissen, dass ein Versuch stattfindet, sich aber mit einer vorgeschobenen Aufgabe beschäftigen. Die eigentlichen Versuchsziele bleiben dabei im Dunklen.

Forschungsbeispiel: Strahan, Spencer & Zanna, 2002
Als getarnte Versuchssituation kann eine Studie zur Beeinflussung von Verhalten mit subliminal gezeigten, also nicht bewusst wahrgenommenen Reizen, angeführt werden (Strahan, Spencer & Zanna, 2002).
Die Autoren luden Versuchsteilnehmer zu einer Marketingstudie, in der sie bestimmte Produkte probieren und bewerten sollten.
Eine Hälfte der Personen durfte während des Versuchs etwas trinken (kein Durst), die andere nicht (Durst).
Bei einer Befragung am PC während der vorgeschobenen Produktteststudie wurden wiederum der Hälfte der Versuchspersonen aus den beiden Gruppen ohne deren Wissen durstspezifische Worte zeitlich unter der bewussten Wahrnehmungsschwelle gezeigt.
Ergebnis: Personen aus der Versuchsgruppe mit Durst, die also bereits durstig waren, tranken nach dem Versuch umso mehr, wenn sie die subliminalen Stimuli erhalten hatten. Sie tranken nahezu doppelt so viel, wie Personen mit Durst, die diese Stimuli nicht erhalten hatten.

 

Bei der offenen Untersuchungssituation wissen die Teilnehmer, dass ein Versuch stattfindet und sie kennen auch das Versuchsziel. Insbesondere hier ist Reaktivität zu fürchten. Reaktivität bedeutet, dass die Versuchsteilnehmer sich anders als natürlich Verhalten, nur weil ein Versuch stattfindet.

Diese Form der Untersuchung ist die weitaus häufigste in der Marktforschung. Sollen beispielsweise Prospekte für ein Unternehmen optimiert werden, wird man in einer Phase häufig verschiedene Prototypen den Versuchspersonen zur Bewertung vorlegen. Diese Personen wissen dann genau worum es geht. Ebenso bei Car Clinics, bei denen Personen Testfahrzeuge in Interviews bewerten und vielen anderen Marktforschungsprojekten.

 

Sinnvoll ist auch, wenn außer den Versuchsteilnehmern auch der Versuchsleiter möglichst wenig die Versuchssituation durchschaut. Er kann sonst mit seinen Erwartungen die Antworten und Verhaltensweisen der Teilnehmer beeinflussen. Da man bei der Reduktion der Durchschaubarkeit auch von Verblindung spricht, bezeichnet man Versuche, in denen auch der Versuchsleiter zumindest nicht die Zugehörigkeit der Personen zu den einzelnen Gruppen einer Untersuchung (Kontrollgruppe vs. Versuchsgruppe) kennt, als Doppelblindversuche.