11. Durchschaubarkeit der Untersuchungssituation

Häufig ist es im Interesse der Forschungsziele, dass die Versuchsteilnehmer nicht alles über die Untersuchung und Forschungsfrage wissen. Generell gilt aus der Sicht der Forscher: Je weniger durchschaubar, desto besser! Das gilt sowohl für die Versuchsteilnehmer als auch für den Versuchsleiter mit Kontakt zu den Teilnehmern. Natürlich lässt sich eine geringe Durchschaubarkeit nicht immer gewährleisten.

Bei der Durchschaubarkeit der Untersuchung für die Teilnehmer können mehrere Ebenen unterschieden werden (vgl. Spiegel, 1970).

Unter einer vollbiotischen Versuchssituation wissen die Teilnehmer überhaupt nicht, dass sie an einem Versuch teilnehmen. Im Labor ist dies schwer umsetzbar, diese günstige Situation wird man daher vorwiegend im Feld antreffen.

Forschungsbeispiel: Areni & Kim, 1993

In einer quasibiotischen Versuchssituation wissen die Teilnehmer zwar, dass sie an einem Versuch teilnehmen, wissen aber nicht, dass er angefangen hat. Beispielsweise findet der Test bereits im Wartezimmer statt oder auf dem Weg zum vorgeblichen Versuchsraum. So werden mitunter im Wartezimmer Zeitschriften ausgelegt und man beobachtet, welche Zeitschriften von wem herausgegriffen werden und welche Inhalte beachtet (z.B. per Blickregistrierung) und später in einer Befragung erinnert werden.

Eine getarnte Versuchssituation ist dadurch gekennzeichnet, dass die Teilnehmer wissen, dass ein Versuch stattfindet, sich aber mit einer vorgeschobenen Aufgabe beschäftigen. Die eigentlichen Versuchsziele bleiben dabei im Dunklen.

Forschungsbeispiel: Strahan, Spencer & Zanna, 2002

Bei der offenen Untersuchungssituation wissen die Teilnehmer, dass ein Versuch stattfindet und sie kennen auch das Versuchsziel. Insbesondere hier ist Reaktivität zu fürchten. Reaktivität bedeutet, dass die Versuchsteilnehmer sich anders als natürlich Verhalten, nur weil ein Versuch stattfindet.

Diese Form der Untersuchung ist die weitaus häufigste in der Marktforschung. Sollen beispielsweise Prospekte für ein Unternehmen optimiert werden, wird man in einer Phase häufig verschiedene Prototypen den Versuchspersonen zur Bewertung vorlegen. Diese Personen wissen dann genau worum es geht. Ebenso bei Car Clinics, bei denen Personen Testfahrzeuge in Interviews bewerten und vielen anderen Marktforschungsprojekten.

Sinnvoll ist auch, wenn außer den Versuchsteilnehmern auch der Versuchsleiter möglichst wenig die Versuchssituation durchschaut. Er kann sonst mit seinen Erwartungen die Antworten und Verhaltensweisen der Teilnehmer beeinflussen. Da man bei der Reduktion der Durchschaubarkeit auch von Verblindung spricht, bezeichnet man Versuche, in denen auch der Versuchsleiter zumindest nicht die Zugehörigkeit der Personen zu den einzelnen Gruppen einer Untersuchung (Kontrollgruppe vs. Versuchsgruppe) kennt, als Doppelblindversuche.