2. Wozu werden wirtschaftspsychologische Erkenntnisse genutzt?

Alleine aus der Tatsache, dass Unternehmen, Konsumenten, Mitarbeiter und staatliche Funktionäre sich wirtschaftspsychologische Expertise unterschiedlich stark nutzen können, entsteht noch keine ethische Herausforderung. Zum Beispiel dann nicht, wenn die Ziele und Interessen der Unternehmen und die der Konsumenten und Mitarbeiter komplementär sind. Das ist oft aber nicht immer so, wie im Folgenden dargestellt wird.

 

Das Spektrum an Zielen, die in der Praxis mit wirtschaftspsychologischem Wissen verfolgt werden, ist sehr breit.
Hier werden die wichtigsten Ziele im Bereich des Verhaltens angeführt.

Dabei sind zunächst die Verhaltensweisen von Mitarbeitern im Fokus.


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Abbildung: Verhaltensbeeinflussung bei Mitarbeitern

 

Die wichtigsten erwünschten Verhaltensweisen, die von Wirtschaftspsychologen gefördert werden, bei Mitarbeitern sind:

  • Arbeitsleistung
  • Beteiligung an Innovationsprozessen
  • Entwicklung der eigenen Kompetenzen
  • Gesundheit und Aufrechterhaltung des Leistungspotenzials
  • Bindung an die Organisation
  • Erscheinen am Arbeitsplatz
  • selbständiges Arbeiten
  • positives Sprechen über die Organisation im sozialen Umfeld und angemessenes Repräsentieren der Organisation
  • Organizational Citizenship Behavior (OCB)
    Bezeichnung für eine Gruppe von Verhaltensweisen, die nicht in der eigentlichen Tätigkeitsbeschreibung liegen aber wesentlich für das Wohlergehen der Organisation sind.
    Dazu zählen beispielsweise Dinge wie die Betreuung von neu eingestiegenen Mitarbeitern, die Hilfe benötigen oder das Schlichten und Vermitteln bei Konflikten.

Unerwünschte Verhaltensweisen bei Mitarbeitern, die von Wirtschaftspsychologen reduziert werden, sind:

  • Fluktuation
  • hohe Fehlzeiten
  • Beschäftigung mit arbeitsfremden Inhalten
  • Beziehungskonflikt
  • Mobbing, Beleidigung und sexuelle Belästigung
  • Vandalismus und Diebstahl
  • Verbreiten von Gerüchten
  • Verschwendung von Ressourcen
  • Diskriminierung
  • Vetternwirtschaft

Bei einer Betrachtung der Ziele wird deutlich, dass häufig keine Widersprüche der Ziele von Unternehmen und Mitarbeitern bestehen.
So ist es im beiderseitigen Interesse, Selbständigkeit zu fördern, das Leistungspotenzial zu erhalten oder sogar die Kompetenzen weiter zu entwickeln.
Mitunter deuten sich aber auch Zielkonflikte an, etwa bei der Bindung an das Unternehmen oder einem übermäßigen und kurzfristig orientiertem Ausschöpfen des Leistungspotenzials.

 

Auch das Verhalten von Konsumenten ist in der Praxis Ziel für wirtschaftspsychologische Interventionen.
Gefördert wird besonders oft:

  • Konsum und Verwendung von Produkten und Dienstleistungen
  • Kauf von Angeboten
  • Zahlen höherer Preise
  • Suche nach Information und Lernen von Informationen
  • positive Berichterstattung im sozialen Umfeld
  • fachgerechte Verwendung und Entsorgung von Verpackungen und Produkten

Auf der anderen Seite wird auch bei Konsumenten Verhalten reduziert:

  • Kauf bei Wettbewerbern
  • Konsum von Alternativprodukten (etwa Obst und Gemüse statt Vitaminpräparaten)
  • Diebstahl
  • unverantwortliche Verwendung von Produkten (Missbrauch)
  • negative Berichterstattung im sozialen Umfeld
  • Kauf und Konsum durch ungeeignete Kunden (gesetzlich ausgeschlossene Kundengruppen oder negative Bezugsgruppen)

Hier bestehen ebenfalls häufig gemeinsame Interessen zwischen Konsumenten und Anbietern, es werden aber stärker noch als im Bereich der Mitarbeiter Interessengegensätze zwischen Unternehmen und Konsumenten deutlich.
Die Förderung von Kauf und Konsum bestimmter Angebote auf Kosten anderer Angebote (etwa Cola-Getränke statt Wasser) und eine Erhöhung der Preisakzeptanz sind häufig nicht im Interesse des Konsumenten, da zumindest finanzielle Nachteile entstehen, mitunter aber auch gesundheitliche oder soziale Nachteile.

 

Wo Verhalten beeinflusst wird und Interessen gegensätzlich sind, liegt auch immer schnell der Begriff Manipulation in der Luft.
Das nächste Kapitel diskutiert, wann tatsächlich von Manipulation zu sprechen ist.